Molar Pass & Fish Lakes

August 2021


Über Jasper zum Mosquito Creek Campground1. August

Ende Juni sorgt eine Hitzeglocke über dem Westen Kanadas für sengende Temperaturen von bis zu 49,6 Grad und verursacht Waldbrände in ganz BC. Die Ortschaft Lytton fällt den Flammen zum Opfer. Viele andere Orte werden in Alarmbereitschaft versetzt oder müssen evakuiert werden. Immer wieder erschwert dichter Rauch das Atmen und treibt die Luftverschmutzungswerte in gefährliche Höhen. Ende Juli ist ein großer Teil des Landes in Rauch gehüllt, denn auch in den Nachbarprovinzen brennen zahlreiche Waldgebiete.

Meine diesjährige Rucksackwanderung sage ich dennoch nicht ab, denn es gibt immer wieder Zeiten, in denen der Rauch nachlässt, und ich hoffe auf etwas Glück. Zudem hatte ich Anfang April eine unendliche Geduld mit dem völlig überlasteten Reservierungssystem aufgebracht, bis es mir nach Stunden endlich gelang, eine Buchung für die nötigen Campingplätze im Hinterland zu ergattern.

Die Wanderung wird mich zu den Molar Mountain Pässen und zu den Fish Lakes im Banff National Park führen. Ich habe diese eindrucksvolle Bergregion bereits vor gut zehn Jahren mit den „Skyline Hikers of the Rocky Mountains“ besucht, als ich an einem ihrer Wandercamps teilnahm. Es lag damals noch so viel Schnee, dass wir North Molar Pass und die Fish Lakes nicht erreichten. Dies hoffe ich nun nachzuholen und darüber hinaus, das Pipestone Valley und vielleicht die Devon Lakes zu erkunden.


Ich nehme die nördliche Route über Jasper, die mich in siebeneinhalb Stunden zum Mosquito Creek Wanderparkplatz am Icefield Parkway im Banff National Park bringen wird. Im gesamten North Thompson Tal ist es sehr rauchig. Mount Robson ist trotz des wolkenlosen Himmels nicht zu erkennen. Obwohl der Rauch die Sonne blockiert, ist es erstaunlich warm. In Richtung Jasper klart es etwas auf und es weht eine leichte Brise. Ich kann jetzt einige Berge in der Nähe ausmachen, aber die weiter weg gelegenen verbleiben in einem Dunstschleier. Je weiter ich nach Süden komme, desto besser wird die Luft.

Ich bin früh losgefahren, denn ich will heute noch zu meinem ersten Ziel wandern, zum Mosquito Creek Campground bei Kilometer fünf auf dem Trail zum Molar Pass.


Entfernung
5,0 km
Dauer
1 ¼ Std
Min. Höhe
1868 m
Max. Höhe
2014 m
Anstieg
146 m
Kum. Anstieg
290 m
Kum. Abstieg
153 m

 

Der Wanderparkplatz befindet sich nahe beim Mosquito Creek Hostel. Es ist nicht viel Betrieb, so dass ich keine Schwierigkeiten habe, einen Platz zu finden. Ich packe noch einige Nahrungsmittel aus meiner Kühlbox in den Rucksack um, dann bin ich startklar.

Ausblick vom Parkplatz
Ausblick vom Parkplatz

Noch vom Parkplatz aus mache ich ein erstes Foto: einen Berg mit Blumen im Vordergrund und - was am wichtigsten ist - mit blauem Himmel ein paar flauschigen Wolken im Hintergrund. Einen klaren, blauen Himmel habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

 


Ich schultere meinen Rucksack und überquere die Brücke zum Mosquito Creek Campground. Dieser direkt am Highway liegende und für Campingfahrzeuge geeignete Platz ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Zeltplatz im Hinterland, zu dem ich unterwegs bin. Ich passiere den stark befahrenen Highway und beginne meine Wanderung entlang des Mosquito Creek.

 

Der Weg ist reizvoll und führt sanft ansteigend direkt am Ufer des turbulenten Baches entlang.


Bald habe ich einige attraktive Ausblicke auf die Berge. Die Sicht ist nicht ganz klar, aber viel besser, als ich es mir vorgestellt hatte. Fireweed und andere Blumen stehen in voller Blüte.

Mosquito Creek mit Quartzite & Ramp Peaks und Mosquito Mountain im Hintergrund
Mosquito Creek mit Quartzite & Ramp Peaks und Mosquito Mountain im Hintergrund

Nach etwas mehr als einer Stunde erreiche ich den Mosquito Creek Campground und baue mein Zelt unter einigen dichten Nadelbäumen auf. Sie werden mich vor dem schlechten Wetter schützen, das für diese Nacht angesagt ist und mit Gewitterstürmen verbunden sein könnte. Ich habe ein Stück Pizza mitgebracht, so dass ich heute Abend nicht einmal meinen Kocher aufbauen muss. Ich komme mit einem Pärchen ins Gespräch, das den Campingplatz drei Tage lang als Basiscamp für Tageswanderungen nutzen will. Wir tauschen einige Informationen über die Wandermöglichkeiten in der Umgebung aus. Am Abend beginnt es zu nieseln.

Im Verlauf der Nacht gibt es einige Regenschauer, doch es bleibt mild und ich schlafe gut, auch wenn mich hin und wieder das Rauschen des Mosquito Creek aufweckt.

Mosquito Creek Campground - North Molar Pass - Upper Fish Lake2. August


Entfernung
10,4 km
Dauer
3 ½ Std
Incl. breaks
4 ½ Std
Min. Höhe
1991 m
Max. Höhe
2603 m
Anstieg
612 m
Kum. Anstieg
811 m
Kum. Abstieg
626 m

 

Die Nacht war so lau, dass ich nicht einmal meine Zelttüren schließen musste. Gegen Morgen, als der Regen für eine Weile aufhört, krieche ich aus dem Zelt, um zu frühstücken. Die Luft ist feucht und nahezu rauchfrei. Ich habe schon lange keine so frische Luft mehr geatmet. Es bleibt erst einmal niederschlagsfrei, so dass ich mein Camp in Ruhe abschlagen kann. Der Himmel ist zwar grau, aber trotzdem hoffe ich auf eine gute Aussicht vom North Molar Pass. Er ist mit 2600 m einer der höchsten Punkte in den Rockies, der über einen regulären Wanderweg erreicht werden kann.

Der Weg schlängelt sich weiterhin am Mosquito Creek entlang und ich halte Ausschau nach dem einstigen Camp der Skyline Hikers. Dort begann im Jahr 2010 meine Leidenschaft für das alpine Bergwandern. Nach etwa zwanzig Minuten und einen guten Kilometer weiter entdecke ich einen unscheinbaren Seitenweg. Das muss der ehemalige Zugang sein, aber von dem Lager gibt es keine Spur mehr. Mein Weg mündet in eine Wiese. Die östliche Flanke des mächtigen Noseeum Mountain ragt zu meiner Rechten auf.

Noseeum Mountain 3002 m
Noseeum Mountain 3002 m

Bald stoße ich auf eine Weggabelung. Nach rechts geht es zum (South) Molar Pass. Ich halte mich links, denn mein Ziel für heute sind die Fish Lakes, die auf der anderen Seite des North Molar Passes liegen.

Der lichte Wald wird von unzähligen kleinen Bächen durchflossen, deren Ufer von blühenden Blumen gesäumt sind. Sie machen den trüben Himmel mehr als wett.


Schließlich erreiche ich die ausgedehnten North Molar Almwiesen. Zurzeit blüht ein regelrechter Teppich aus leuchtend gelber Bergarnika, der mit pinkfarbenen Flecken aus Fireweed gesprenkelt ist. Der imposante „Fang“ (auch Houndstooth genannt) beherrscht die Szenerie. Er ist ein markanter 2408 m hoher Gipfel auf dem Grat zwischen North und South Molar Pass.

Teppich aus Bergarnika
Teppich aus Bergarnika
Fireweed mit „Fang“ im Hintergrund
Fireweed mit „Fang“ im Hintergrund
Blick zurück zum Mosquito Valley und auf die Dolomites
Blick zurück zum Mosquito Valley und auf die Dolomites
Mosquito Tarn aus der Höhe gesehen
Mosquito Tarn aus der Höhe gesehen

Am Mosquito Tarn, einem Teich in der Mitte der Almwiesen, folge ich dem rechten Ufer, als der Weg plötzlich endet. Ich überprüfe meine Karte und stelle fest, dass ich die Überquerung am Auslass des Tarns verpasst habe. Ich kehre um, klettere über einige im Wasser liegende Steine und finde den richtigen Weg auf der anderen Seite des Tarns wieder.

Hier kommen mir zwei Wanderer entgegen. Sie sind Parks Canada Ranger und auf dem Rückweg von einem Erkundungsausflug, auf dem sie Wanderer über ihre Erfahrungen an den Fish Lakes und den Devon Lakes befragen wollten. Auf dem Fish Lakes Campingplatz fanden sie genügend Interviewpartner, aber der Weg durch das Pipestone Valley zu den Devon Lakes war menschenleer. Da ich dort eine Tageswanderung unternehmen will, sind sie froh, mich in ihre Studien einzubeziehen. Wer weiß, vielleicht wird es auf meine Anregung hin eines Tages eine bärensichere Aufbewahrungsmöglichkeit für die Essensvorräte in der Nähe der abgelegenen Devon Lakes geben. Die Ranger haben eine Menge Tipps für mich und zeigen mir Fotos von den wirklich malerischen Seen auf ihren Handys.

Während ich meinen Weg durch die Almwiesen fortsetze und mich dem Pass nähere, zieht eine Regenfront aus dem Tal hinter mir herauf. Zuerst umgibt mich nur Nebel, doch dann beginnt es zu nieseln. Eine Gruppe von zehn jungen Wanderern steigt gerade von der Passhöhe herunter. Sie haben das Wochenende auf dem Fish Lakes Campingplatz verbracht und kündigen an, dass ich den nun ganz für mich alleine haben werde. Darauf bin ich ganz und gar nicht erpicht, denn hier soll es viele Grizzlybären geben. Anscheinend treten in diesem Sommer viele Leute ihre Wanderungen wegen des Rauchs oder schlechtem Wetter erst gar nicht an, denn immer wieder bleiben Zeltplätze leer. Es ist schade, wenn die ursprünglich heißumkämpften Reservierungen nicht zugunsten anderer zurückgegeben werden.

Das letzte Stück zum Pass ist mühsam. Der Pfad ist schmal und windet sich durch Geröll. Wenigstens ist er deutlich zu erkennen. Man würde ihn wohl auch in einem durch Nebel oder Schneefall verursachten „Whiteout“ nicht verlieren. Es ist zu nass, um die Kamera hervorzuholen, die ich vorsichtshalber im Rucksack verstaut habe. Sonst hätte ich sicherlich trotz mangelnder Aussicht ein Bild von der Passhöhe gemacht.

Auf der anderen Seite des Passes geht das Nieseln in wirklichen Regen über. Die Berggipfel sind hinter tiefhängenden Wolken verborgen. Ich kann mir vorstellen, wie schön es hier bei Sonnenschein aussehen muss. Vielleicht habe ich übermorgen bei meiner Rückkehr mehr Glück mit dem Wetter. Trotz des Regens ist meine Stimmung gut, denn es ist erstaunlich warm und die Luft ist erfrischend sauber. Nur meine pitschnassen Wanderstiefel machen mir Sorgen. Es dauert immer einige Zeit, bis sie wieder trocken sind.

Ich erreiche den Fish Lakes Campingplatz, der tatsächlich ganz verlassen ist. Er liegt am oberen der beiden Fish Lakes und hat nur fünf Plätze. Deshalb ist es kein Wunder, dass er immer sehr schnell ausgebucht ist. Ich stelle mein Zelt unter einigen Bäumen auf. Es ist noch nass von den letzten Regenfällen, so macht es keinen großen Unterschied, wenn es beim Aufbau noch etwas mehr Regen abbekommt. Ich hülle mich in meinen Regenponcho und setze mich auf einen Baumstamm an den See, um Mittag zu halten. Der Ort lädt zum Träumen ein.

Upper Fish Lake
Upper Fish Lake

So nass wie ich bin, wird es mir schnell zu kalt, um still im Regen zu sitzen. Ich flüchte ins Zelt und ziehe mir trockene Sachen an. Der Regen nimmt zu und wird heftig. Es sieht nicht so aus, als könnte ich meine nassen Sachen in näherer Zukunft zum Trocken an die Leine hängen. Wird meine minimale Auswahl an Kleidung zum Wechseln reichen? Sind drei Paar Socken genug? Unterm Vorzelt beim Eingang, wo meine nassen Wanderstiefel stehen, hat sich eine Pfütze gebildet. Ich stelle meine Schuhe auf zwei Steine und ziehe einen Kanal, so dass das Wasser als kleiner Fluss wieder aus dem Vorzelt hinaus rinnen kann. Meinen Poncho und die Regenhose lagere ich unter das andere Vordach aus, wo sie im Matsch liegen und noch schmutziger werden als sie schon sind. Keiner der Zeltplätze auf dem Fish Lakes Campground ist wirklich eben. Bei starkem Regen werden sie regelmäßig überflutet. Diese Information hätte ich heute Morgen liebend gerne an die Park Ranger weitergegeben.

Bei solch heftigem Regen mag ich nicht draußen Abendessen kochen. Meine Ersatzkleidung soll nicht auch noch nass werden. Also bleibe ich zum Essen im Zelt und nehme eine kalte Mischung aus Brokkoli und Hackfleischbröseln zu mir, die ich am Morgen zum Re-hydrieren angesetzt hatte. Als Beilage gibt es statt des geplanten Couscous mit Soße nur einen Müsliriegel. Ich tröste mich mit der Hoffnung auf besseres Wetter. Ich verlasse mein Zelt nur noch einmal kurz, um meine Essensvorräte bärensicher zu lagern. Hier gibt es statt der oft üblichen Metallboxen einen hohen Mast mit Stahlseilen, an denen man seine Beutel aufhängt und hochzieht, einen sogenannten „bear pole“.

Später am Abend höre ich, wie ein weiteres Zelt aufgebaut wird. Wenigstens bin ich nicht mehr allein hier draußen. Mitten in der Nacht weckt mich ein durchdringendes Heulen. Ein Wolf, so nah? Nein, die Camp-Nachbarn haben einen Husky dabei, der geträumt hat. Irgendwann in der Nacht hört es auf zu regnen und alles ist still.

Tageswanderung im Pipestone Valley 3. August


Entfernung
15,2 km
Dauer
4 ½ Std
Min. Höhe
2137 m
Max. Höhe
2325 m
Anstieg
188 m
Kum. Anstieg
749 m
Kum. Abstieg
749 m

 

Am nächsten Morgen zeigt der Himmel ein blasses Blau und es ist sehr diesig. Was Morgennebel und was Rauch ist, lässt sich nicht sagen. Trotzdem zeigt Upper Fish Lake nun seine volle Schönheit.

Upper Fish Lake
Upper Fish Lake

Nach den heftigen Regenfällen ist alles rund herum triefend nass. Ich wische einen der beim See aufgestellten Picknicktische notdürftig trocken und baue meinen Kocher auf. Da meine Wanderkleidung nass ist, bin ich erstmal in meinen Schlafsachen geblieben und habe nur meine warme Fleece-Jacke darüber gezogen. Nach dem gestrigen Treck über den 2600 m hohen Pass fühle mich ziemlich erschöpft, zudem habe ich ja nicht ordentlich gegessen. Heißer Porridge mit einer extra großen Portion eingeweichter Früchte begleitet von einem starken Kaffee erweckt mich wieder zum Leben. Der Aufgang der blutroten Sonne ist fantastisch. Allerdings ist die ungewöhnliche Farbe ein Zeichen für Rauch in der Luft, auch wenn man ihn im Moment nicht riechen kann.

Sonnenaufgang über dem Pipestone Valley
Sonnenaufgang über dem Pipestone Valley

Meine beiden Mitcamper, ein junges Pärchen, sind gestern während ihrer Wanderung sehr nass geworden. Dazu hatten die Ärmsten auch noch den nassen Hund im Zelt. Wir bringen einige Sachen vom Zeltbereich hinunter zum Picknickplatz zum Trocknen, denn dort ist es offen und sonnig. Sobald die Sonne stark genug ist, schlüpfe ich in meine klammen Wandersachen und ziehe die trockene Fleece-Jacke wieder darüber. Kein angenehmes Gefühl, aber die schwarze Jacke heizt sich in der Sonne genügend auf, so dass die Kleidungsstücke darunter an meinem Körper trocknen können. Ich fungiere sozusagen als wandelnder Trockenständer. Meine Wanderstiefel trocknen an meinen Füssen, die dank der dicken Ersatzsocken fürs erste von der Feuchtigkeit isoliert bleiben.

Während das Pärchen diskutiert, welchen der beiden möglichen Wege sie zu ihrem nächsten Ziel einschlagen, bereite ich mir ein zweites Frühstück zu. Ich habe keine Eile, denn heute steht nur ein Tagesausflug im Pipestone Valley auf meinem Programm und in diese Richtung sieht es noch sehr neblig aus. Ich koche Couscous mit Thai-Soße, das eigentlich als Beilage für mein gestriges Abendessen vorgesehen war. Nach der zweiten Mahlzeit fühle ich mich wieder bei Kräften. Ich spanne eine Wäscheleine zwischen die Bäume. Ich traue mich jedoch nur, ein einziges tropfnasses T-Shirt zum Trocknen dort zurückzulassen, denn auf dem Campingplatz wurde ein Stachelschwein gesichtet und diese Nager sind äußerst destruktiv. Meine nassen Socken von gestern hänge ich lieber außen an den Rucksack, wo sie in der Sonne baumeln können. Noch vorsichtiger als sonst, stopfe ich wirklich alles, was auch nur im Entferntesten nach Essen, Seife oder Schweiß riechen könnte, in einen Sack, den ich zusammen mit dem Essensbeutel am „bear pole“ hochziehe.

Wegen des Nebels oder gar Rauchs im Pipestone Valley haben sich sie anderen beiden inzwischen entschieden, über den North Molar Pass zur Weggabelung zurückwandern und von dort über den South Molar Pass ihren nächsten Campingplatz am Molar Creek anzusteuern. Ich halte an meinem Plan fest, das Pipestone Valley zu erkunden, wobei mich mein Weg nicht unten am Pipestone River, sondern hoch oben an der westlichen Flanke des Tales entlang zum Pipestone Pass führen wird. Meine Hoffnung, bis zu den 15 Kilometer entfernten Devon Lakes vorzudringen, gebe ich auf. Für diese lange Strecke hin und zurück hätte ich spätestens mit dem ersten Sonnenlicht losgehen müssen und mir auch bessere Wetter- und Sichtverhältnisse gewünscht. Am allerbesten wäre es, an den Devon Lakes zu übernachten. Ein andermal vielleicht.

Ich breche zur Fish Lakes Cabin auf, einer sehr komfortabel aussehenden Ranger-Hütte, die etwa zehn Minuten vom See entfernt liegt. Hier beginnt der Höhenweg zum Pipestone Pass.

Am Bach bei der Hütte fülle ich meine Wasserflaschen auf. Gleich dahinter muss ich einen ziemlich reißenden Nebenbach überqueren, wobei meine Wanderschuhe wieder völlig durchnässt werden. Es bleibt zum Glück die einzige etwas schwierige Querung für heute. Ich will sie mir jedoch merken, falls ich in Zukunft einmal mit vollem Gepäck in Richtung Devon Lakes unterwegs sein sollte.


Der Weg führt hinauf in die bewaldete Hangseite des Tals. Auf den Wiesen blühen Wildblumen. Es scheint, als wäre doch nicht allzu viel Rauch in der Luft, denn die Schwaden steigen hoch und lösen sich zunehmend auf.

 

Bald schon gelange ich zum Moose Lake, einem wunderschönen, von schroffen Bergen umgebenen See.

Moose Lake 2202 m
Moose Lake 2202 m

Es gibt sogar ein Loon hier. Erstaunlich, dass diese Tauchvögel in der alpinen Zone überleben können; der See muss Fische enthalten.

Ein Stück weiter überblicke ich die endlose Weite des Pipestone Valley. Nur wenige Wanderer finden ihren Weg in dieses abgelegene Tal, und ich bin eine der Glücklichen.

Pipestone Valley Höhenpfad
Pipestone Valley Höhenpfad

Auf meinem Weg muss ich zahlreiche weitere Bäche überqueren. Bei den meisten liegen stabile Steine im Wasser und sie sind unproblematisch. An einem der Übergänge muss ich ein Stück stromaufwärts klettern, bis ich eine Stelle finde, an der ich nicht durchs tiefe Wasser waten muss.


Auf der anderen Seite des Baches holt mich ein einsamer Wanderer ein. Ian ist auf dem Weg zu den Devon Lakes und erst heute Morgen am Wanderparkplatz beim Highway losgegangen. Er überwindet die 30 Kilometer unter vollem Gepäck und ohne Zwischenübernachtung. Mit Siebenmeilenstiefeln schreitet er voran und verschwindet schnell aus meinem Blickfeld. Eine solche Mammutstrecke würde ich nicht schaffen. Wegen meines späten Aufbruchs heute Morgen werde ich wohl noch nicht einmal, wie erhofft bis zum Pipestone oder gar Clearwater Pass gelangen. Das macht aber nichts; lieber nehme ich mir heute die Zeit, den Weg ausführlich zu genießen. Man befindet sich nicht alle Tage in einer so unglaublich schönen Umgebung.

Wildblumen vor den westlichen Ausläufern des Molarstone
Wildblumen vor den westlichen Ausläufern des Molarstone
Tarn
Tarn

Ich fasse einen kleinen Hügel ins Auge, den ich für meine Mittagsrast ansteuere. Von dort aus habe ich einen fantastischen Ausblick auf Pipestone und Clearwater Pass. Pipestone Valley ist einzigartig in seiner Wildheit, seiner Weite und gleichzeitigen Leere. Die Luft ist nicht ganz klar; vielleicht wegen des Feuers, das jenseits der Devon Lakes, weit oben im Clearwater Valley brennt.

Blick auf Pipestone Pass, Clearwater Pass und Devon Mountain
Blick auf Pipestone Pass, Clearwater Pass und Devon Mountain

Schroffe Berghänge begrenzen das Pipestone Valley auf der gegenüberliegenden östlichen Seite.

Östliche Hänge des Pipestone Valley
Östliche Hänge des Pipestone Valley

Der Aussichtshügel ist mein heutiger Umkehrpunkt. Ich ziehe die Wanderschuhe aus, und es tut überaus gut, endlich die Zehen einmal wieder auszustrecken. Meine Schuhe können derweil in der Sonne weiter trocknen. Sie sind im Moment in keinem allzu schlechten Zustand.

Nach einer ausgiebigen Rast mache ich mich auf den Rückweg. Der Himmel sieht in diese Richtung noch dunstiger aus, weil ich nun in die Sonne schaue. Der Tarn begeistert mich erneut, weil er vor dem Hintergrund der Berge mindestens so attraktiv aussieht wie auf dem Hinweg.

Tarn von Norden gesehen
Tarn von Norden gesehen

Weiter unten ziert ein weiterer, kleinerer Tarn die Almwiesen. Im Süden ist der Gipfel von Cataract Peak schwach zu erkennen.

Tarn vor Cataract Peak im Süden
Tarn vor Cataract Peak im Süden
Lower Fish Lake
Lower Fish Lake

An der Fish Lakes Cabin fülle ich erneut meine Wasserflaschen auf. Ein Stück weiter den Weg hinunter nehme ich die Abzweigung zum Lower Fish Lake. Nach nur einem halben Kilometer taucht der See vor mir auf. Er ist viel kleiner und liegt in offenerem und rauerem Terrain als Upper Fish Lake und der Campingplatz.

Von hier aus blickt man direkt auf Cataract Peak, den markantesten Gipfel in dieser Gegend. Leider verbirgt er sich heute hinter einem dünnen, weißlichen Schleier und wirkt etwas blass.

Cataract Peak 3333 m
Cataract Peak 3333 m

Zurück am Campingplatz bin ich erleichtert, mein Zelt trotz des Stachelschweinalarms unbehelligt vorzufinden. Mein T-Shirt baumelt trocken an der Leine und die restlichen Kleidungsstücke sind im Zelt oder unterwegs trocken geworden. Meine Ersatzkleidung kann also wieder in den Rucksack.

Heute ist der Campingplatz voll besetzt. Alle genießen einen angenehmen und warmen Abend an den Picknicktischen. Die Zelte stehen sehr dicht beieinander, daher dauert es zur Schlafenszeit eine Weile, bis es still wird und nur noch gelegentliches Schnarchen zu vernehmen ist.

Upper Fish Lake - North Molar Pass - Mosquito Creek Campground4. August


Entfernung
10,4 km
Dauer
3 ½ Std
Incl. breaks
6 Std
Min. Höhe
1991 m
Max. Höhe
2603 m
Abstieg
612 m
Kum. Anstieg
631 m
Kum. Abstieg
809 m

 

Morgens bin ich die erste beim Frühstück und genieße einen weiteren spektakulären Sonnenaufgang. Die Sonne ist noch intensiver rot als gestern Morgen.

Ich bin schon startbereit, während die meisten anderen gerade ihr Frühstück zubereiten. Einige bleiben eine zweite Nacht und machen einen Tagesausflug, genauso wie ich gestern. Kurz nach mir brechen noch zwei Frauen auf, und wir werden uns auf dem Weg über den North Molar Pass zurück zum Mosquito Creek Campground noch oft gegenseitig überholen. Ich klettere den Pfad hinauf und verabschiede mich vom Upper Fish Lake mit einem letzten Blick zurück. Ich nehme mir fest vor, diese Gegend in einem der nächsten Sommer noch etwas intensiver auszukundschaften.

Upper Fish Lake und Cataract Peak
Upper Fish Lake und Cataract Peak

Die Sonne scheint, und die Umgebung des North Molar Pass ist traumhaft. Was für ein Unterschied zu vorgestern, als ich hier im Regen durchgekommen bin!

Ausläufer von Molar Mountain
Ausläufer von Molar Mountain
Nördlicherer Ausläufer von Molar Mountain
Nördlicherer Ausläufer von Molar Mountain

Ich steige höher und höher auf dem Weg zum North Molar Pass.

Ausläufer von Molar Mountain aus der Höhe gesehen
Ausläufer von Molar Mountain aus der Höhe gesehen

Bald werfe ich den ersten Blick auf den Pass, der sich direkt rechts von der Schneewächte befindet. Die rötlich gefärbten säulenartigen Felsen (pinnacles) weiter links auf dem Grat sind ein bemerkenswertes Phänomen.

North Molar Pass (R) und Grat zum South Molar Pass
North Molar Pass (R) und Grat zum South Molar Pass
Die „Pinnacles“
Die „Pinnacles“

Auf der Ostseite des Weges erhebt sich Molarstone Mountain. Den 2880 m hohen Gipfel könnte man von der Passhöhe aus in nur 45 Minuten erklettern. Allerdings müsste ich dafür den schweren Rucksack zurücklassen, und nur ein kleines Stück weiter unten habe ich eine Familie von Bergmurmeltieren (Hoary Marmots) entdeckt. Diese großen und überaus frechen Felsenbewohner warten nur darauf, dass jemand sein Gepäck ablegt. Ich habe einschlägig schlechte Erfahrungen: einmal haben sie mir einen meiner Wanderstöcke geklaut und ein andermal den Tagesrucksack einer Freundin davongeschleppt. In beiden Fällen waren wir in der Nähe und blieben Sieger. Der Aufstieg auf den Molarstone würde sich als Tageswanderung von den Fish Lakes oder von Mosquito Creek aus anbieten. Ein andermal, da bin ich zuversichtlich.

Molarstone Mountain 2880 m
Molarstone Mountain 2880 m

Zurückschauend erspähe ich den Hauptgipfel des mächtigen Molar Mountain, der über einer Felswand hervorschaut.

Blick zurück auf den Hauptgipfel von Molar Mountain
Blick zurück auf den Hauptgipfel von Molar Mountain

Schließlich erreiche ich North Molar Pass und die Schneewächte oder Cornice, eine überhängende, instabile Schneemasse, die auch im Hochsommer nicht vollständig abtaut und die man tunlichst nicht betreten sollte. Ambitionierte Kletterer können von hier aus an der Wächte vorbei auf den Grat klettern und sich über die „Pinnacles“ und den „Fang“ bis zum South Molar Pass durchschlagen. Nach meinen Maßstäben ist die diesseitige Nase des Grats jedoch unüberwindlich, denn ich bin weder ein Bergsteiger noch frei von Höhenangst.

North Molar Pass 2603 m
North Molar Pass 2603 m

Ich halte inne und genieße die Aussicht in alle Richtungen. Die Gipfel, die das Mosquito Creek Valley umgeben sind unvergleichlich schön.

Blick auf Mosquito Creek Valley
Blick auf Mosquito Creek Valley
Markante Streifen am Molarstone Mountain
Markante Streifen am Molarstone Mountain
Der „Fang“ vom Pass aus gesehen
Der „Fang“ vom Pass aus gesehen
Molar Ridge und „Fang”, Noseeum Mountain im Hintergrund
Molar Ridge und „Fang”, Noseeum Mountain im Hintergrund
Vor Molarstone und Mosquito Mountain, Watermelon Peak im Hintergrund
Vor Molarstone und Mosquito Mountain, Watermelon Peak im Hintergrund
 Molarstone und Mosquito Mountain
Molarstone und Mosquito Mountain

Schließlich beginne ich den Abstieg vom Pass.

Bald übernimmt Noseeum Mountain die Szenerie. Warum man ihn „Ich sehe ihn nicht“ nennt, bleibt mir ein Rätsel.

Noseeum Mountain
Noseeum Mountain
Erste Mountain Arnica
Erste Mountain Arnica
Tarn vor Noseeum Mountain
Tarn vor Noseeum Mountain

Einige interessante Felsenformationen auf einem der Osthänge des Tales fallen mir auf. Sie gehören zu Molarstone Mountain.

Am Mosquito Tarn halte ich eine ausgiebige Rast. Es ist noch viel zu früh, um auf dem Campingplatz einzukehren, zumal die Aussicht hier unvergleichlich ist. In der östlichen Bergkette tut sich eine Lücke auf. Sie bietet eine Abkürzung, um ins Pipestone Valley zu gelangen oder - wenn einem der steile Abstieg auf der anderen Seite zu schwierig erscheint - den Zugang zu einem Aussichtspunkt auf den Pipestone Pass. Eine weitere Möglichkeit für ein künftiges Abenteuer.

Die Dolomites türmen sich über dem westlichen Ende des Mosquito Creek Valley.

Dolomites im Westen
Dolomites im Westen

Auf dem Rückweg durch die ausgedehnten Almwiesen aus Bergarnika, kommt mir eine Familie mit zwei Kindern entgegen. Sie sind zum Fish Lakes Campingplatz unterwegs und machen einen sehr vergnügten Eindruck. Ich bin erstaunt, dass die Kinder, die vielleicht sechs und acht Jahre alt sind, bereits solche harten Wanderungen mitmachen.

Mountain Arnica
Mountain Arnica
Der „Fang” über Almwiesen
Der „Fang” über Almwiesen

Ich erreiche den Campingplatz kurz vor den beiden Frauen, die mit mir am Upper Fish Lake gestartet waren. Nach kurzer Überlegung entscheiden sie sich, doch Gebrauch von ihrer Reservierung hier zu machen. Es sind zwar nur noch fünf Kilometer bis zu ihrem Auto, aber sie haben genug für heute. Damit sind immerhin vier von den fünf Zeltplätzen belegt. Kaum haben die beiden ihre Regenplane über einem der Tische aufgehängt, hört man in der Ferne Donner grollen. Anscheinend zieht ein Gewitter auf, doch fürs erste bleibt es bei ein paar vereinzelten Regentropfen. Man kann noch in aller Ruhe zu Abend essen.

Ich bin müde und früh im Zelt. Obwohl die Nachbarskinder bis zum Einbruch der Dunkelheit mit vielem Geschrei zwischen den Felsblöcken Verstecken spielen, schlafe ich schnell ein. In der Nacht fällt dann schließlich ein kurzer, aber heftiger und von neuem Donner begleiteter Regenschauer. Danach schallt nur noch das unaufhörliche Rauschen des Baches durch das Tal.

Tageswanderung zum South Molar Pass 5. August


Entfernung
16,2 km
Dauer
5 Std
Incl. breaks
6 ½ Std
Min. Höhe
1988 m
Max. Höhe
2527 m
Anstieg
539 m
Kum. Anstieg
1060 m
Kum. Abstieg
1027 m

 

Es ist die erste etwas kältere Nacht auf meiner Tour, der Himmel ist klar und morgens scheint die Sonne. Da ich heute mein Zelt stehen lassen kann, bin ich schon sehr früh unterwegs, um die Gegend des South Molar Passes zu erkunden. Ich benötige ungefähr eine Stunde bis zur Weggabelung zwischen North und South Molar Pass. Das Talbecken, durch das der Pfad zum South Molar Pass hinauf führt, ist geschützter und unterscheidet sich stark von den offenen Höhenwiesen auf der anderen Seite: ein viel dichterer Baumbestand und üppigere Bodenvegetation. Der Pfad windet sich durch Nadelwald und kleine Wildblumenwiesen. Er ist so schmal, dass ich nicht sehr weit voraus schauen kann. Ich mache möglichst viel Lärm, denn es ist kein schöner Gedanke, plötzlich einem Grizzlybären gegenüberzustehen.

Ich wandere direkt unterhalb des mächtigen Noseeum Mountain. Das Fireweed hier ist die hochwachsende Sorte, die man auch im Flachland findet, ganz im Unterschied zu dem kleinwüchsigen Mountain Fireweed auf den North Molar Almwiesen.

Noseeum Mountain mit Fireweed
Noseeum Mountain mit Fireweed

Der Weg führt stetig bergauf. Ich gelange an den Fuß einer wundervollen Kaskade, die munter über Felsentreppen und durch Blumenwiesen springt. Ich erinnere mich an diese Stelle gut; die Skyline Hikers nannten sie den „Japanischen Garten“. Damals, um den 10. Juli herum, schauten die Blumenblüten aus frisch gefallenem Neuschnee hervor.

Der japanische Garten
Der japanische Garten

Hinter dem Japanischen Garten wird es steil und der Pfad mäandert aus dem Tal hinaus. South Molar Pass ist nicht mehr weit.

Blick zurück über das Tal
Blick zurück über das Tal

Ein einzelner Wanderer marschiert den Pass herunter und ich erkenne ihn schon von weitem an seinem Siebenmeilenstiefel-Schritt wieder. Es ist Ian, den ich im Pipestone Valley getroffen habe. Er hat eine sehr windige Nacht an den Devon Lakes verbracht und die nächste mit einem heftigen Gewitter auf dem Molar Creek Campground. Anscheinend ist der gestrige Sturm hauptsächlich auf der anderen Seite der Molarpässe, im Pipestone Valley niedergegangen. Bis zum South Molar Pass hat Ian auf seiner Runde keine Menschenseele getroffen.

Vor mir oben auf dem Pass mache ich die Silhouette eines weiteren Wanderers aus, der dort gerade Mittagspause hält. Als ich ihn erreiche, kommt er sofort auf einen Grizzlybären zu sprechen. Mitten auf dem schmalen Pfad unten im Wald sei er ihm entgegengekommen. Glücklicherweise war es ein sogenannter „guter Bär“: überrascht hielt er inne, genau wie sein menschliches Gegenüber, und dann schlug er sich umgehend seitwärts in die Büsche. Ich danke dem Wanderer, er heißt Rob, aus vollem Herzen dafür, dass er mir diese Begegnung abgenommen hat. Er war nur 30 Minuten vor mir unterwegs.

Wir setzen unseren Weg ein Stück gemeinsam fort. Das Fireweed wächst hier besonders üppig auf den Hängen. Rob, ein ambitionierter Fotograf, steigt in die Wiesen hinauf, um ein paar Bilder davon zu machen.

Fireweed
Fireweed

Er lebt in Banff und nutzt jede Gelegenheit, zu wandern und zu fotografieren. Er kennt diese Gegend sehr genau und benennt einige der Berge und Gletscher für mich. Es stellt sich heraus, dass sein Vater Deutscher und genau wie ich aus Köln ist. Zudem ist sein Nachname gleichlautend mit einem winzigen Ort im Bergischen Land, aus dem seine Familie ursprünglich stammt. Die Welt ist klein!

Ich hatte noch keine Mittagsrast und bin hungrig, deshalb mache ich an einem von Wildblumen eingefassten Bach Pause. Danach will ich mich querfeldein in Richtung des „Fang“ schlagen, um eine mögliche Aufstiegsroute auf den Grat auszukundschaften, während Rob einen bestimmten fotogenen See weiter unten im Tal erkunden möchte. Also verabschieden wir uns fürs erste.

Ich habe die alte Karte vom Wandercamp der Skyline Hikers mitgebracht. Sie zeigt eine Route von hier auf den Berggrat und zum “Fang”. Der Bach, an dessen Ufer ich gerastet habe, bietet eine gute Orientierung und ich folge ihm den Berg hinauf. Je höher ich gelange desto besser wird der Ausblick. Natürlich beherrscht Noseeum Mountain immer noch die Szenerie. Wie ich von Rob gelernt habe, heißt der Berg dahinter Mount Andromache und der Gletscher ist Molar Glacier.

Noseeum Mountain
Noseeum Mountain
Mount Andromache 3033 m mit Molar Glacier
Mount Andromache 3033 m mit Molar Glacier

Schließlich erspähe ich die beiden Gipfel des Molar Mountain selbst, die vor einem sehr diesigen Himmel aufragen. Molar ist das englische Wort für Backenzahn, was die Form des Berges sehr gut beschreibt.

Molar Mountain 3022 m
Molar Mountain 3022 m

Es fällt recht leicht, die weit offenen Almwiesen hochzulaufen. Dabei habe ich den „Fang“ immer im Blickfeld. Die Almwiesen enden in einer Ansammlung von großen Felsblöcken.

Die Rückseite des „Fang”
Die Rückseite des „Fang”

Ich klettere am Rand der Felsblöcke entlang und erreiche einen kleinen Tarn. Aus dieser Höhe tauchen sogar Mount Hector und Little Hector hinter Mount Andromache auf.

Tarn mit 3394 m Mount Hector und Little Hector im Hintergrund
Tarn mit 3394 m Mount Hector und Little Hector im Hintergrund

Vom Tarn aus gehe ich ein kleines Stück weit zurück bis zu einem Punkt, an dem es steil aufwärts geht. Dies wäre wohl die beste Route auf den „Fang“, wenn auch eine nicht ganz triviale Kletterpartie.

Mögliche Kletterpartie auf den „Fang“
Mögliche Kletterpartie auf den „Fang“

Die oberste Spitze dieser Felsformation besteht aus losen Felsquadern. An einem sonnig-klaren Tag würde ich gerne bis auf den Grat unterhalb dieser weißlichen Blöcke klettern. Ein weiterer Eintrag auf meiner immer länger werdenden Wunschliste!

Felsblöcke auf der Spitze des „Fang“
Felsblöcke auf der Spitze des „Fang“

Ich gehe dieselbe Route hinunter, die ich auf dem Hinweg herauf gekommen bin. Auf halbem Weg treffe ich Rob wieder. Gemeinsam laufen wir querfeldein durch die Wiesen bis wir, einem steilen Abhang folgend, kurz hinter dem South Molar Pass zurück auf den offiziellen Wanderweg stoßen.

Hinunter zum South Molar Pass Trail
Hinunter zum South Molar Pass Trail

Hier trennen uns unsere Wege. Während Rob noch bis zu seinem am Highway geparkten Auto hinauswandert, habe ich genügend Zeit für eine weitere Rast. Ich lasse mich auf einem mit Gras bedeckten Ausläufer hinter dem Pass nieder, wo ich Aussicht über das ganze Tal habe. Von dort beobachte ich, wie Rob auf dem engen, in den Hang geschmiegten Pfad absteigt und schließlich in den Bäumen verschwindet.

Rückkehr vom South Molar Pass
Rückkehr vom South Molar Pass

Der Weg bis zum Campingplatz ist noch lang. Glücklicherweise treffe ich unterwegs nicht mit dem Bären zusammen, der hier sein Unwesen treibt. Wie am Ende jedes Tagesausflugs freue ich mich darüber, dass auf dem Campingplatz das fertig aufgebaute Zelt auf mich wartet.

Inzwischen ist die junge Familie mit den zwei Kindern von den Fish Lakes zurückgekehrt. Sie scheinen alle Begeisterung vom Hinweg verloren zu haben, vor allem der achtjährige Sohn macht einen sehr unglücklichen Eindruck. Schlafsäcke, Kleidungsstücke und Zeltplanen hängen auf einer langen Leine in der Sonne. Wie ich vom Familienvater erfahre, gab es an den Fish Lakes ein horrendes Gewitter. Regen überflutete ihr Zelt und das meiste darin wurde nass. Am Morgen nach der Sintflut war das Zelt so schmutzig, dass er es vor dem Einpacken im See wusch. Während die Sachen trocknen, wird die Familie noch zu Abend essen und dann zum Highway hinauswandern. Darauf besteht der Junge, obwohl sie für diese Nacht eigentlich hier auf dem Mosquito Creek Campground eingebucht sind. Bloß nicht mehr zelten, quengelt er. Seine kleine Schwester ist besser drauf, aber der Junge setzt sich durch: gegen fünf Uhr ziehen sie von dannen. Gut, dass der Highway nur eine Stunde entfernt ist.

Der Campingplatz ist nun wieder fast verlassen, nur ein einziges weiteres Zelt steht dort über Nacht. Aus irgendeinem Grund empfinde ich das Tosen des Baches heute als besonders laut. Immer wieder weckt es mich auf, so dass ich eine unruhige Nacht verbringe.

Mosquito Creek Campground - Wanderparkplatz - Heimfahrt6. August


Entfernung
5,0 km
Dauer
1 ¼ Std
Min. Höhe
1868 m
Max. Höhe
2014 m
Abstieg
146 m
Kum. Anstieg
153 m
Kum. Abstieg
290 m

 

Über Nacht ist Rauch ins Mosquito Valley gezogen, den man nun auch das erste Mal deutlich riechen kann. Das macht nicht gerade Lust auf einen weiteren Ausflug. Außerdem ist meine Zeit heute begrenzt, weil ich in jedem Fall zum Highway hinaus wandern und zum Übernachten mindestens noch nach Lake Louise oder Golden fahren muss. Sowohl ein weiterer Ausflug in die Gegend des South Molar Pass als auch einer ins Tal der Dolomites würden noch eine volle Tageswanderung bedeuten. Ich packe also zusammen, um heute noch soweit wie möglich in Richtung Heimat zu fahren.

Abschied von einem rauchigen Mosquito Creek Valley
Abschied von einem rauchigen Mosquito Creek Valley

Für den Rückweg nehme ich die südliche Strecke über Golden und Kamloops. Ich komme so gut voran, dass ich nicht wie gewöhnlich in Golden zwischenübernachte, sondern gleich nach Hause durchfahre. Unterwegs wird der Rauch immer dichter, wobei er im Glacier National Park und in Revelstoke am schlimmsten ist. Es ist dort so dunkel als wäre es bereits Abend. Wenigstens gibt es nirgendwo Straßensperrungen. In der Nähe von Chase klart die Luft auf und bleibt für den Rest des Weges gut.

Angesichts der Waldbrände und des Rauchs überall habe ich einmal mehr Riesenglück gehabt und ein weiteres gelungenes Wandererlebnis genießen dürfen, auch wenn die Bedingungen nicht perfekt waren. Ich freue mich schon darauf, meine stets länger werdende Wunschliste in den nächsten Jahren nach und nach umzusetzen.