Egypt Lake & Skoki Valley

Sommer 2020


Anreise nach Banff21. Juli

640 Kilometer in 8 Stunden

Es gleicht einem Wunder, dass mein Wandertrip 2020 überhaupt stattfinden kann. Als ich im Januar buchte, war die Welt noch in Ordnung. Doch dann kam Corona, und die Nationalparks, Campingplätze und das Backcountry waren zwischen dem 25. März und dem 22.Juni komplett geschlossen. Nun ist das Backcountry wieder geöffnet, aber wegen des kalten Frühsommers ist in den alpinen Zonen der Berge, vor allem auf den Pässen, noch Schnee auf den Pfaden zu erwarten. Doch ich werde mich überraschen lassen und breche zu meinem Sommertrip 2020 wie geplant auf.

Da das zwischen Lake Louise und Banff gelegene Castle Mountain Wilderness Hostel meine Buchung leider absagen musste, werde ich die Nacht vor dem Aufbruch ins Backcountry im HI Hostel in der Stadt Banff verbringen. Die gut 600 Kilometer lange Fahrt nach Banff dauert mit Pausen zum Essen und Tanken etwa acht Stunden. Das Wetter ist gut. Ich bin früh aufgebrochen und kann daher bereits am Nachmittag mein Bett im Schlafsaal des Hostels in Beschlag nehmen. Eigentlich ist Platz für sechs Leute, aber wegen Corona werden nur zwei Betten belegt. Die Küche ist nur mit einer Vorausbuchung zu betreten, aber das ist kein Problem, denn das Hostel hat zurzeit nicht viele Gäste. Ich habe noch genügend Zeit, um in die Stadt Banff hinunter zu spazieren. Das Hostel liegt recht weit außerhalb in der Nähe des Tunnel Mountain Campgrounds und so kann ich mir nach der langen Fahrt ausreichend die Beine vertreten.

Das Abendessen verläuft ruhiger, als ich es von Hostel-Küchen gewöhnt bin. Eine einzige andere Gruppe von drei Personen ist im gleichen Timeslot wie ich. Man spricht ein wenig, geht sich ansonsten notgedrungen aus dem Weg, um den vorgeschriebenen Abstand einzuhalten. Nach dem Essen drehe ich eine Abendrunde über den Hoodoos Trail am Bow River. Meine Zimmergenossin hat mir den Ausflug empfohlen. Ich gehe früh schlafen, denn morgen habe ich einen anstrengenden Tag vor mir.

Sunshine Village - Simpson Pass - Healy Pass - Egypt Lake Campground22. Juli


Entfernung
23,4 km
Dauer
6 Std
Inkl. Pausen
7 ½ Std
Min. Höhe
1646 m
Max. Höhe
2362 m
Anstieg
716 m
Kum. Anstieg
1655 m
Kum. Abstieg
1312 m

 

Leider bleibt die Hostel-Küche am Morgen geschlossen und die Gäste sind stattdessen auf ein Pfannkuchen-Frühstück im angeschlossenen Restaurant eingeladen. Darauf kann ich jedoch nicht warten, denn um acht Uhr möchte ich längst unterwegs sein. So lasse ich mir nur die Türe zum Küchenbereich aufschließen, damit ich meine Lebensmittel aus dem Kühlschrank ausräumen kann. Ich frühstücke schnell im Auto.

Ich verlasse Banff und fahre 9 km zurück in Richtung Westen bis zur Abzweigung der Sunshine Village Road. Diese kurvige Straße führt gut 8 km bergan bis zur Basisstation der Gondel, die Sunshine Village mit Upper Sunshine Village verbindet. Im Winter ist Sunshine Village ein beliebtes Skigebiet, und im Sommer ist es berühmt für seine alpinen Wildblumenwiesen. Diesen Sommer bleibt Sunshine Village allerdings geschlossen und die Gondola steht still. Für mich bedeutet es, dass ich die 520 Höhenmeter zu Fuß erklimmen muss. Ich habe die Alternative zwischen der steilen 7,2 km langen, der Seilbahnstrecke folgenden Service-Straße und dem Healy Creek Trail, der überwiegend an einem Bach entlang durch den Wald führt. Da das Wetter sonnig ist und gute Aussichten verspricht, wähle ich die mühsamere Wanderroute entlang der Service-Straße, die mir außerdem erlaubt, die Runde über den Simpson Pass zu machen, anstatt den gleichen Weg zu nehmen, den ich übermorgen zurück wandern werde.

Die Gondola steht 2020 still
Die Gondola steht 2020 still

Ich packe die letzten Dinge in den vorbereiteten Rucksack. Da ich nur zwei Nächte bleibe, ist er mit circa 16 kg etwas leichter als sonst, denn ich muss weniger Essen mitnehmen. Trotzdem bleibt das Aufschnallen des Ungetüms mühsam.

Die Service-Straße windet sich in vielen Serpentinen den Berg hinauf. Sie ist breit und mit grobem Schotter belegt, der das Laufen erschwert. Immer wieder überholen mich Service-Trucks, die Staub aufwirbeln, obwohl sie wirklich langsam und rücksichtsvoll fahren. Zumindest werde ich mit einer immer schöner werden Sicht zurück belohnt. Wiederholt kreuze ich unter den an ihren Seilen hängenden Gondeln hindurch. Plötzlich setzen sie sich in Bewegung, ein Testlauf vermutlich. Es wäre so schön, wenn ich mitfahren könnte.

Obwohl ich früh am Morgen gestartet bin, hat die Sonne inzwischen an Kraft gewonnen, und ich bin ziemlich verschwitzt, als ich die obere Station, das Upper Sunshine Village, nach knapp zwei Stunden erreiche. Es sieht ziemlich unaufgeräumt aus hier oben, als hätte man nach der Wintersaison einfach alles stehen und liegen lassen. Was mich jedoch am meisten stört: ich finde keinerlei Beschilderung für die Wanderwege, die von hier oben abgehen, und leider auch niemanden, den ich hätte fragen können. Ich nehme einen Pfad, der steil bergan führt und den mir mein GPS als richtige Richtung weist. Doch fühle ich mich unbehaglich dabei. Da sehe ich unten bei der Station zwei andere Wanderer auftauchen. Ich kehre um, um sie nach dem Weg zu fragen.

Der ersehnte Schilderwald zur Orientierung
Der ersehnte Schilderwald zur Orientierung

Es stellt sich heraus, dass die beiden gerade vom Assiniboine Provinzpark zurückkehren. Das ist für mich die falsche Richtung, aber sie berichten von einer ganzen Reihe von Schildern zehn Minuten von hier, und eins würde auch in meine Richtung, den Simpson Pass, weisen. Erleichtert folge ich ihrem Rat, finde nach einigen Extraschleifen auch Schilder, doch leider weisen sie zu einem Aussichtspunkt auf den Simpson Pass, und nicht zum Pass selbst. Es stellt sich heraus, dass ich eine zwar wunderschöne doch acht Kilometer lange Rundwanderung machen muss, bis ich zu meiner eigentlichen Abzweigung gelange. Ich wäre besser auf dem ersten Pfad geblieben, der mich in 30 Minuten dorthin gebracht hätte. Im wahrsten Sinne des Wortes: dumm gelaufen.

Der Sonnenschein lässt die Landschaft im besten Licht erstrahlen, und ich habe Rock Isle Lake, Twin Cairns Meadow, Wawa Ridge mit dem Monarch Viewpoint und den Simpson Pass vollständig für mich alleine. Normalerweise verschafft die Gondel sonst Hunderten von Ausflüglern einen leichten Zugang hierher.

Rock Isle Lake
Rock Isle Lake

Am eindrucksvollen Monarch Viewpoint (2360 m), von dem aus dieser majestätische Berg in all seiner Pracht zu bewundern ist, lege ich eine Rast ein und esse meinen Mittagssnack. Alles ist noch einmal gut gegangen. Ich befinde mich auf dem richtigen Weg und bin nun zuversichtlich, dass ich mein Ziel für die Nacht erreiche.

Monarch 2895 m
Monarch 2895 m

Hinter dem Aussichtspunkt geht es zum ersten Mal heute bergab. Der Weg führt durch den Wald ins Tal, um einen Felssturz herum und schließlich zur Grenze zwischen Alberta und BC, die durch einen Betonpfeiler markiert ist. Der 2135 Meter hohe Simpson Pass ist kein typischer Pass, sondern ein von Wald umgebenes, paradiesisch anmutendes Gebiet aus Seen und Almen. Die Wildblumenblüte hat sich dieses Jahr wegen des kalten Wetters verspätet. So ist es für die gelben Glacier Lilies, die während der Schneeschmelze blühen, so gerade zu spät und für die Sommerwildblumen noch zu früh. Irgendetwas Buntes erfreut das Auge jedoch immer.

Letzte Glacier Lilies
Letzte Glacier Lilies

Bald trifft mein Pfad auf den Healy Creek Trail. Eine rustikale und pittoreske Brücke führt über den Bach und lädt zwei andere Wanderer zur Rast ein. Für mich geht es stetig bergauf in Richtung Healy Pass. Es wird der letzte Anstieg für heute sein, aber er hat es in sich. In dieser Höhe ist die Landschaft noch nicht lange schneefrei. In den schattigen Lagen kann man tatsächlich noch Glacier Lilies entdecken.

Ich brauche einige Atempausen bis ich endlich den Healy Pass bei 2330 Metern erreiche. Die 360 Grad Aussicht ist berauschend. Zur Linken blickt man weiterhin auf den Monarch mit dem 3,5 km langen Grat, der auf ihn zuläuft, die Monarch Ramparts. Früher konnte man eine Gratwanderung auf den Ramparts machen, doch wegen der Bodenerosion und der empfindlichen alpinen Vegetation sperrte Banff National Park die Gegend um den Healy Pass für jegliches Querfeldein-Wandern. Es stimmt traurig, wenn dann an der Barrikade aus Krummholz trotzdem ein Rucksack liegt, den sein Besitzer zurückgelassen hat, um in der Sperrzone herumzulaufen.

Monarch und Ramparts
Monarch und Ramparts

Zur Rechten ragt der Healy Pass Peak (2570 m) empor. Wie die Ramparts ist auch er off Limit, zu viele Wanderer hatten ihn zuletzt als relativ leichtes Scramble (so nennt man Bergklettern ohne offiziellen Weg) ins Auge gefasst. Nach vorne hinunter schaue ich auf Egypt Lake, und den darüber liegenden Scarab Lake. Ein Wasserfall stürzt über dreißig Meter vom Scarab Lake in den Egypt Lake hinunter. Die Seen werden von Scarab Peak, Sphinx und den Pharaoh Peaks eingerahmt.

Scarab und Egypt Lake vor Scarab Peak 2918 m
Scarab und Egypt Lake vor Scarab Peak 2918 m

Für die restlichen 2,9 km geht es auf einem soliden Pfad steil bergab. Im Tal findet man eine Ranger Station und eine Brücke, die den Pharaoh Creek überquert. Direkt dahinter ist mein Ziel, der Egypt Lake Campground.

Egypt Lake Campground und Sphinx/Sugarloaf Mountain
Egypt Lake Campground und Sphinx/Sugarloaf Mountain

Egypt Lake Campground hat 13 Zeltplätze. Mein Platz vom letzten Jahr ist noch frei. Ich war damals nach einem nächtlichen Gewitter dorthin umgezogen, weil er einen ebenen Untergrund mit ausreichend Holzspänen hat, so dass sich keine Pfützen unter dem Zelt ansammeln wie bei vielen anderen Plätzen. Außerdem liegt er in direkter Nähe der Schutzhütte (12 Schlafplätze auf Plattformen, dieses Jahr geschlossen), der Toilette, und nicht allzu weit von der Wasserstelle und dem Kochbereich entfernt. Auf den Campingplätzen im Backcountry ist man nach der Ankunft nämlich noch lange nicht fertig mit dem Wandern. Die verschiedenen Bereiche für Essen & Kochen, Schlafen, Wasserholen und die Toiletten (outhouses) liegen aus Sicherheits- und Hygienegründen sehr weit voneinander entfernt und sind über steile und manchmal matschige Pfade verbunden. Leichte Schuhe oder Sandalen fürs Camp mitzubringen, ist deshalb oftmals unnützer Ballast.

Ich baue mein Zelt auf, verstaue alles darin und bringe den Beutel mit meinen Essensvorräten zum Kochbereich, um ihn in einer der dafür vorgesehen Metallboxen bärensicher unterzubringen. Frischwasser gibt es auf diesem Campingplatz bei der Brücke am Pharaoh Creek, was bedeutet jedes Mal den Berg steil hinunter und wieder hinauf zu klettern. Zum Glück liegt der Kochbereich in der gleichen Richtung und man könnte sich Wege sparen, wenn man nicht dauernd etwas beim Zelt vergessen würde.

Während ich mein Abendessen zubereite, unter vielem Gewedel mit den Händen, um die Mücken zu vertreiben, entsteht eine freundliche Unterhaltung mit den zwei Wanderern vom Nachbartisch. Ich erzähle ihnen von dem Jahrhundertgewitter, das ich im vorigen Jahr hier erlebt habe. Der eine mag Gewitter und fotografiert sie gerne. Sein Wunsch wird diese Nacht erhört.

Wetterleuchten und Donner wecken mich. Nein, nicht schon wieder, mich hat es doch erst voriges Jahr hier erwischt: pitschnasse Klamotten am Morgen und die geplante Tageswanderung mehr oder weniger ausgefallen. Das Gewitter kommt zwar näher, aber es erreicht uns nicht ganz. Es kreist uns mit Blitz, Donner, Regen und Windböen ein, doch vom Schlimmsten bleiben wir verschont. Irgendwann wird es still und ich schlafe weiter. Später erfahre ich von anderen Wanderern, dass das Unwetter direkt über Skoki niedergegangen ist, meinem Ziel für Übermorgen.

Tageswanderung Scarab Lake - Mummy Lake - Whistling Pass23. Juli


Entfernung
12,0 km
Dauer
4 Std
Inkl. Pausen
7 Std
Min. Höhe
1996 m
Max. Höhe
2309 m
Anstieg
313 m
Kum. Anstieg
1109 m
Kum. Abstieg
1109 m

 

Am Morgen ist es draußen zwar nass, aber es hat aufgehört zu regnen. Ich bin die erste beim Frühstück, und alle Mücken stürzen sich auf mich. Ich habe meine Netzjacke angezogen und vergesse leider ständig, die Kapuze abzunehmen, wenn ich einen Löffel Müsli esse oder einen Schluck Kaffee trinke. Man wird meine Mahlzeitenfolge an den Flecken auf der Jacke ablesen können.

Meine heutigen Ziele sind Scarab Lake und Mummy Lake. Ich wandere den steilen, in Serpentinen angelegten Weg aus dem Tal hinaus, das an diesem Ende durch eine steile Wand begrenzt ist. Der Pfad ist extrem uneben und mit Geröll bedeckt, teilweise nicht von einem Bachbett zu unterscheiden. Er ist nicht ganz so nass wie im letzten Jahr, aber auch jetzt fließt Wasser herab. Nur mit einem Tagesrucksack auf dem Rücken ist der Weg diesmal einfacher zu bewältigen. Außerdem ist er leichter bergauf zu gehen als bergab.

Die Abzweigung zum Scarab Lake ist gut beschildert. Es geht 1,9 Kilometer hinunter zu seinem Ostufer. Der See wird von Blumenwiesen, dem Scarab Peak und einem unbenannten markanten Gipfel in südlicher Richtung eingerahmt.

Scarab Lake vor Scarab Peak 2918 m
Scarab Lake vor Scarab Peak 2918 m

Durch ein Labyrinth von kleinen Nebenwegen - die Trampelpfade der vielen Besucher - bahne ich mir den Weg zu dem Wasserfall, der aus dem Scarab Lake in den Egypt Lake hinunterstürzt. Weit hinauslehnen über die tief hinabfallenden, tosenden Wassermassen möchte ich mich nicht, auch wenn die Fotos dadurch weniger spektakulär ausfallen, als es tatsächlich aussieht.

Augen zu und drüber
Augen zu und drüber

Wenn man über einen wackligen Baumstamm balancieren mag, kann man die Absturzstelle der Fälle auf beiden Seiten des Baches erreichen. Ich muss es wagen, weil der weitere Weg zum Mummy Lake auch dort hinüber führt.

Es geht steil bergauf zum Mummy Lake. Man verlässt den Wald und erreicht alpines Terrain. Während der markante Gipfel hinter der Sphinx immer eindrucksvoller wird je mehr man sich ihm nähert, ist der Mummy Lake eher unscheinbar. Wie ich nachlesen konnte, hat er über die Jahre erheblich an Wasser verloren und ist nun ein Schatten seiner selbst.

Die Bezeichnung der Berge verwirrt mich, denn Sphinx und Sugarloaf Mountain sind ein und derselbe. Der markante Gipfel dahinter hat keinen Namen. Zwischen den Gipfeln liegt ein Sattel, den man ersteigen müsste, um auf Sphinx/Sugarloaf zu klettern. Wegen des noch vorhandenen Schnees und des sehr unwegsam aussehenden Terrains lasse ich diese Idee jedoch fallen. Später auf dem Campingplatz treffe ich zwei Frauen, die den nach ihren Aussagen schwierigen Weg über den Sattel ins Nachbartal zum Talc Lake geschafft haben und von dort auf dem offiziellen Wanderweg zurückgekehrt sind.


Es ist sehr ungeschützt und windig hier oben. Als ich nach kurzer Rast vom Mummy Lake den Rückweg antreten will, treffe ich auf einen anderen Wanderer. Er ist auf der Suche nach einem windstillen Platz für seine Mittagspause, will sogar das Öfchen auspacken zum Kochen. Er bringt mich auf die Idee, auch noch ein bisschen hier oben herumzustromern, wenn ich schon nicht auf die Sphinx klettere. So gelange ich zu einem wunderbaren Aussichtspunkt über Egypt Lake und den Greater Pharaoh Peak. Ich halte mich von der schneeverharschten Abbruchkante möglichst fern, denn der Wind ist stark und böig. Zum Fotografieren hocke ich mich nieder, um nicht in die Tiefe geweht zu werden.

Nachdem ich wohlbehalten die wackelige Brücke zum zweiten Mal überquert habe, halte ich Mittagsrast am Scarab Lake. Die Bäume etwas oberhalb des Sees schützen vor dem Wind. Es ist still und friedlich hier.

Ich habe noch genügend Zeit, um meine Wanderung auf den Whistling Pass auszudehnen. Ich muss zunächst zur Abzweigung zurücksteigen, dann geht es nach links und weiterhin stetig bergauf durch einen subalpinen Felsengarten. Der Wind weht immer wieder dunkle Wolkenbänke heran. Ständig sieht es nach Regen oder gar Gewitter aus, doch dann strahlt die Sonne wieder hervor.

Im Vorbeigehen betrachte ich intensiv die Bergrücken der drei Pharaoh Peaks und finde die offensichtliche Stelle, wo man den Greater Pharaoh ersteigen kann. In den Wanderführern steht dieses Scramble auf über 2700 Meter als „anstrengend aber nicht schwierig“ beschrieben. Später auf dem Rückweg vom Pass stoße ich auf zwei Wanderer, die gerade vom Pharaoh Peak herunter gekommen sind. Sie haben 1 ½ Stunden hinauf und 1 Stunde hinunter benötigt. Ich denke, ich werde noch ein drittes Mal an den Egypt Lake zurückkehren, denn die Ausblicke vom Pharaoh sollen überirdisch sein.

Ich erreiche Whistling Pass. Es ist ein spektakulärer Aussichtspunkt auf die Ball Range und den Haiduk Lake. Der Wind braust und dramatische dunkle Wolken ziehen über den Himmel.

Whistling Pass Richtung Haiduk Lake
Whistling Pass Richtung Haiduk Lake

Wie erwartet, ist der Weg die Steilwand entlang ins Tal wesentlich mühsamer als der Hinweg. Trotzdem mache ich am Ende noch den gut einen Kilometer langen Umweg zum Egypt Lake. Denn der Campingplatz liegt trotz seines Namens nicht am See.

Ich bade meine müden Füße im See. Der Wind peitscht über das Wasser, so dass man leider keine Spiegeleffekte fotografieren kann. Ich schaue frontal auf die Sphinx und auf die Lücke, wo ich ein paar Stunden zuvor an der Schneebank gestanden habe. Wenn ich genau hinsehe, kann ich sogar den silbernen Streifen des Wasserfalls rechts im Wald erkennen.

Egypt Lake mit Sphinx/Sugarloaf Mt.
Egypt Lake mit Sphinx/Sugarloaf Mt.

Am Abend tausche ich meine Erlebnisse mit neuen Tischnachbarn aus. Der Wind hält die Mückenplage etwas unter Kontrolle, aber es finden immer noch viel zu viele den Weg auf meinen Teller. In der Nacht zieht das schlechte Wetter doch noch in unser Tal und es beginnt zu regnen. Ich bin jedoch nicht traurig, denn der Tag war phänomenal.

Healy Pass Trail - Sunshine Village24. Juli


Entfernung
13,4 km
Dauer
3 ½ Std
Incl. Pausen
5 Std
Min. Höhe
1634 m
Max. Höhe
2363 m
Abstieg
729 m
Kum. Anstieg
860 m
Kum. Abstieg
1169 m

 

Trotz des trüben Wetters gibt es am Morgen ein regenfreies Frühstück. Das Außenzelt und die Unterlage sind zwar nass und damit schwerer, aber ich bin schon glücklich, wenn das Innenzelt trocken bleibt und ich den Rucksack nicht im strömenden Regen packen muss.

Ich steige zum Healy Pass auf. Trotz der tiefhängenden Wolken sieht man immer noch ein wenig von den Bergen, aber die Aussicht ist kein Vergleich zum Hinweg. Kurz vor dem Pass ziehen schwarze Wolken über den Monarch heran. Es fängt an zu regnen, dann hagelt es. Hastig verstecke ich mich in einer Gruppe dichter Tannen und zerre meinen Poncho und die Regenhülle für den Rucksack hervor. Den Rucksack habe ich schnell in seiner Hülle, mit dem Poncho und mir selbst wird es schwieriger. Ich muss das große Ding irgendwie über mich und den geschulterten Rucksack ziehen. Da der Rucksack über meinen Kopf hinausragt, will es nicht gelingen. Während ich mit dem Poncho, den umstehenden Tannen und dem Wind kämpfe, kommen zwei Wanderer auf mich zu. Gerade rechtzeitig, denn mit ihrer Hilfe bekomme ich den Poncho gebändigt und kann ihn um die Taille festzurren. Ich sehe zwar nun aus wie die Glöcknerin von Notre Dame, weil der Rucksack unter dem Poncho wie ein riesiger Buckel wirkt, aber die Hauptsache, alles bleibt trocken. Ich warte einen weiteren Hagelschauer ab, dann lässt der Niederschlag nach und ich wandere über den Pass ins Tal hinunter.

Diesmal überquere ich die pittoreske Brücke am Healy Creek und lasse den Simpson Pass Trail, den ich gekommen bin, rechts liegen. Zum Rasten lädt die Brücke heute wegen des Wetters nicht ein. Der Weg führt nun weiter am Bach entlang und durch dichten Wald hindurch. Er ist trotz der Nässe recht einfach zu laufen. Es nieselt immer einmal wieder, aber das schlimmste Wetter ist oben auf dem Pass zurückgeblieben. Gegen Ende des Weges kommt sogar die Sonne hervor. Nach knapp fünf Stunden erreiche ich Sunshine Village. Der Parkplatz ist voller geworden, was sich schon durch häufigere Begegnungen mit anderen Wanderern auf dem letzten Teil des Weges angekündigt hat. Ich lade den Rucksack ab und rufe zu Hause an, um ein Lebenszeichen von mir abzugeben. Dann fahre ich nach Lake Louise, um von dort zur nächsten Wanderung ins Skoki Tal aufzubrechen.

Lake Louise - Hidden Lake Campground (Skoki)24. Juli


Entfernung
7,6 km
Dauer
2 ¼ Std
Inkl. Pausen
3 ¼ Std
Min. Höhe
1693 m
Max. Höhe
2220 m
Anstieg
527 m
Kum. Anstieg
714 m
Kum. Abstieg
205 m

 

Dicke schwarze Wolken hängen über Lake Louise. Immer wieder kommt es zu sintflutartigen Regenfällen. Ich fahre zum Fish Creek Wanderparkplatz, der sich am Zugang zum Whitehorn Skigebiet befindet und gleichzeitig der Startpunkt für Skoki ist. Im Auto warte ich einen weiteren Wolkenbruch ab. Rundherum hängen dicke Wolken tief im Tal. Ziemlich entmutigt fahre ich in den Ort zurück und erkundige mich im Visitor Center nach der aktuellen Wettervorhersage. Es soll zunächst so wechselhaft bleiben. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, im Lake Louise Alpine Hostel zu übernachten und erst morgen ins Backcountry aufzubrechen, doch schließlich bleibe ich bei meinem Plan.

Ich fahre zurück auf den Wanderparkplatz, packe meinen Rucksack für die nächste Etappe und ziehe den Regenponcho über. Nach einigen Versuchen habe ich eine Methode gefunden, wie ich ihn ohne fremde Hilfe über mich stülpen kann. Ich muss es von hinten nach vorne tun, ihn also zuerst an den Hüften zusammenraffen und grob befestigen, dann das lange Stück von hinten über den Rucksack und meinen Kopf nach vorne schwingen, um danach erst den Kopf durch das Kapuzenloch und die Arme durch ihre jeweiligen Öffnungen zu stecken.

Ich wandere die Temple Fire Road zum Trailhead hinauf, es sind 4 Kilometer auf dieser Schotterstraße, die durch das Whitehorn Skigebiet zur Temple Lodge führt. Bei gutem Wetter hätte man eine schöne Sicht zurück auf die Berge über Lake Louise. Zum Glück sind die Pausen zwischen den Schauern nun länger und der Regen ist leichter geworden. Da es ständig bergan geht, schwitze ich unter meinem Poncho so sehr, dass ich ihn leider wieder ausziehen muss. Nach einer Weile kommt böiger Wind auf und es fängt wieder heftig an zu regnen. Mit dem Poncho habe ich jetzt zwar Übung, muss aber doch zwischen Tannen Schutz vor dem Wind suchen, um ihn anzuziehen. Ich habe das Ende der Schotterstraße fast erreicht, da taucht wie gerufen ein Unterstand am Wegesrand auf. Es ist der Parks Canada Informationsstand für das Skoki Valley. Ich verbringe eine gefühlte Ewigkeit (20 Minuten) dort und beginne bereits mit Überlegungen, wie mein Zelt vielleicht unter dem Dach aufzubauen wäre, als der heftige Regenfall endlich in Nieseln übergeht. Ich mache mich auf zur letzten Etappe des heutigen Weges.

Der eigentliche Trailhead zur Skoki Lodge ist durch ein großes Schild gut zu identifizieren. Ich wechsele auf einen immer noch recht breit angelegten Weg, der auch von Reitern benutzt wird und deshalb sehr ausgetreten ist. Nach weiteren 3,1 Kilometern erreiche ich die Abzweigung zur Skoki Halfway Hut, ein historisches Blockhaus, das um 1890 den Skifahrern als Raststätte für den weiten Weg zur Skoki Lodge diente. Es ist heute ein Museum. Ich nehme mir nicht die Zeit, die Hütte zu besichtigen, denn ich möchte so schnell wie möglich mein Zelt aufbauen, bevor der Regen wieder einsetzt.

Bei Kilometer 7,3 führt eine ausgetretene Abzweigung zum nur 100 Meter weiter gelegenen Hidden Lake Campground. Es sind schon eine Menge Leute da, was in Anbetracht der Uhrzeit (18 Uhr) auch kein Wunder ist. Die Zeltplätze haben im Regen arg gelitten. Ich suche mir den mit der kleinsten Pfütze aus. Ich lehne meinen Rucksack an den Stecken mit der Zeltplatznummer. Während ich den schlammigen Untergrund für die beste Ausrichtung des Zeltes untersuche, kippt der Rucksack mit einem scheußlich klingenden Reißgeräusch um. Die Regenhülle hat sich an dem messerscharfen Metallschildchen verfangen und nun klafft ein 30 cm langer Riss darin. Gott sei Dank ist es nur die Hülle und wie gut, dass ich Duct Tape dabei habe.

Ich baue mein Zelt auf und ziehe ein paar Abflussrinnen in die harte Erde. Wenigstens hat es aufgehört zu regnen. Die Wolken heben sich und die Sonne kommt hervor. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, kann ich über den Bäumen die Berge über Lake Louise erkennen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich das Zelt am heutigen Abend noch trocken bekomme.

Beim Abendessen lerne ich die anderen Wanderer kennen. Es ist eine Großfamilie, die sich hier einmal im Jahr trifft. Sie sind sehr freundlich, vor allem David, der Älteste. Bevor ich mich zur verdienten Ruhe ins Zelt lege, bekomme ich noch Besuch. Dieser junge Hirsch knabbert in aller Seelenruhe am Gebüsch, direkt im Hang hinter meinem Zelt.

Ein imposanter Abendgast
Ein imposanter Abendgast

Später kommen noch drei junge Männer an, die den Platz neben mir beziehen. Einen Hund haben sie auch dabei. Ich weiß gar nicht, wie sie alle in das Iglu-Zelt hinein passen. Sie spielen den ganzen Abend Karten, und eine Lachsalve nach der anderen schallt aus dem Zelt. Ich denke, die eine oder andere Spirituose ist auch im Spiel. Der Hund gibt keinen Mucks von sich. Vermutlich schläft er so fest wie ich durch eine regenfreie, aber kalte Nacht.

Morgenausflug zum Hidden Lake25. Juli


Entfernung
4 km
Dauer
1 ¼ Std
Incl. Pausen
2 Std
Min. Höhe
2215 m
Max. Höhe
2407 m
Anstieg
192 m
Kum. Anstieg
233 m
Kum. Abstieg
233 m

 

Nach einem leckeren Frühstück lasse ich das Zelt erst einmal stehen und mache mich auf, um den 2 Kilometer entfernten Hidden Lake zu erkunden. Ich treffe auf David, der noch früher aufgestanden ist als ich und schon auf dem Rückweg von dort oben ist. Er empfiehlt mir, in den Felsen herum zu klettern, zwischen denen Unmengen alpine Vergissmeinnicht blühen.

Oberhalb von Hidden Lake
Oberhalb von Hidden Lake

Der Weg ist einfach zu verfolgen und endet oberhalb vom See. Hier wachsen viele der zwergförmigen himmelblauen Blümchen, von denen er schwärmte. Ich klettere noch etwas höher und setze mich auf einen Felsen, um die Aussicht zu genießen. Ich bin von Dreitausendern umgeben, Mount Richardson, Pika Peak und Ptarmigan Peak. In den Höhen wabert Morgennebel, so sind die Spitzen von Pika und Ptarmigan Peak noch versteckt.

Mt. Richardson 3086 m und Pika Peak 3053 m
Mt. Richardson 3086 m und Pika Peak 3053 m
Pika Peak und Redoubt Mountain
Pika Peak und Redoubt Mountain

 

Kurz nach 11 Uhr komme ich wieder am Campingplatz an. Ich verabschiede mich von David, der gleich mit seiner Familie einen Tagesausflug zur Skoki Lodge machen wird. Ich baue mein Zelt ab und esse meinen Mittagssnack. Dann mache ich mich auf den Weg zum Baker Lake.

Hidden Lake - Baker Lake25. Juli


Entfernung
6 km
Dauer
1 ¾ Std
Incl. Pausen
2 ½ Std
Min. Höhe
2180 m
Max. Höhe
2364 m
Anstieg
184 m
Kum. Anstieg
289 m
Kum. Abstieg
220 m

 

Der Weg führt mich zum Boulder Pass auf 2345 Meter, das ist fast schon die maximale Höhe für den heutigen Tag. Der Pass macht seinem Namen - Boulder heißt Felsbrocken - alle Ehre.


Zur Rechten am Passweg ragt Redoubt Mountain empor.

Redoubt Mountain 2902 m
Redoubt Mountain 2902 m

Besonders gefällt mir die Felsenformation am Fuße des Ptarmigan Peaks, die den Totempfählen der Haida Gwaii Indianer ähnelt. Ein Trupp Ausflugsreiter überholt mich. Eine Reiterin hält ihren Schoßhund im Sattel, so dass er nicht laufen muss.

Hinter dem Boulder Pass geht es gemächlich hinunter zum Ptarmigan Lake. Starker Wind bläst durch das Tal, der die Wasseroberfläche kräuselt. Es liegen Schneereste auf dem Weg. Vor gut einer Woche noch war das Skoki Tal nur auf Schneeschuhen zugänglich.

Ptarmigan Lake
Ptarmigan Lake

Anemonen (Western Anemones) blühen am Wegesrand. Ich hocke mich nieder für ein Foto mit den Blümchen im Vordergrund. Dabei vergesse ich den schweren Rucksack auf meinem Rücken, und als ich aufstehen will, falle ich nach hinten in den Schneematsch. Die Hose ist nun dreckig, aber die Kamera habe ich glücklicherweise in der hocherhobenen Hand vor den nassen Elementen retten können.

Der Weg führt am Seeufer entlang mit Blick auf den imposanten Redoubt Mountain. Auf dieser Teilstrecke sind viele andere Wanderer unterwegs. Nach der Hälfte des Sees gewinne ich wieder an Höhe und erreiche an der Abzweigung zum Deception Pass mit 2364 Metern den höchsten Punkt für heute. Die meisten Wanderer nehmen die Route über den Deception Pass zur Skoki Lodge. Hinter der Abzweigung bleibt nur noch eine kleine Gruppe übrig, die wie ich zum Baker Lake will.

 Ptarmigan Lake and Redoubt Mountain 2902 m
Ptarmigan Lake and Redoubt Mountain 2902 m

Bald taucht das heutige Etappenziel vor mir auf. Der Campingplatz befindet sich am fernen Ende von Baker Lake.

Blick nach vorn auf Baker Lake
Blick nach vorn auf Baker Lake
Blick zurück auf Mt. Redoubt
Blick zurück auf Mt. Redoubt

Die Zeltplätze am Baker Lake liegen recht eng zusammen. Ich finde noch einen mit Ausblick, denn ich komme so gerade vor einer fünfköpfigen Gruppe an. Zur Wasserstelle geht es steil hinunter direkt an den Ausfluss des Sees, die Aufhängevorrichtung für die Essensvorräte ist nicht weit davon entfernt. Die Zeltplätze im Skokigebiet haben keine Metallboxen, sondern man zieht seine Beutel an Stahlseilen hängend hoch in die Bäume oder an ein dafür vorgesehenes Gestell. Sie baumeln dann frei in der Luft und sind unerreichbar für Bären oder kleinere Räuber.

Beim Abendessen teile ich einen Tisch mit zwei Physiotherapeutinnen aus Calgary. Nachdem wir über eine Stunde lang unsere Wandererfahrungen ausgetauscht haben, mache ich noch einen kleinen Abendspaziergang. Der Campingplatz liegt am Ausfluss des Sees. Wenn man dem Bach ein Stück folgt, gelangt man zu einem wunderschönen Wasserfall.

Wasserfall Baker Lake
Wasserfall Baker Lake

Offensichtlich wird der Platz von Porcupines (Stachelschweinen) heimgesucht. Ich treffe gleich auf zwei von ihnen, eins beim Spaziergang, und das andere flüchtet vor mir, als ich zum Zelt zurückkehre. Diese Tiere sind zwar drollig, machen sich bei Campern jedoch äußerst unbeliebt, weil sie alles ankauen und zerstören, was nach Schweiß, Salz oder Futter schmeckt. Selbst die Toilettenhäuser sind nicht vor ihnen sicher und deshalb mit engmaschigem Draht beschlagen. Das blöde Viech hat meine Wanderstöcke umgestoßen, die ich in den Boden gesteckt habe. Ich bin wohl noch gerade rechtzeitig gekommen, bevor die Handschlaufen dran glauben sollten. Ich hänge die Wanderstöcke an einen Baum. Laut der Wanderkollegen haben die ihren so die letzte Nacht heil überstanden. Am nächsten Morgen beim Einpacken werde ich allerdings eine kleine Beißspur in der Zeltplane entdecken.

Porcupinealarm
Porcupinealarm
Schlafenszeit
Schlafenszeit

Alle Zelte sind mehr oder weniger in Hörweite voneinander. Im Nachbarzelt nächtigt ein älteres Ehepaar mit seinem Enkel. Oma liest ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vor, an der auch ich viel Vergnügen habe. Das unaufhörliche Schnarchen, das später aus allen Richtungen ertönt, genieße ich deutlich weniger.

Baker Lake - Skoki Lodge - Merlin Meadows26. Juli


Entfernung
8 km
Dauer
2 ½ Std
Incl. Pausen
3 Std
Min. Höhe
2063 m
Max. Höhe
2267 m
Abstieg
204 m
Kum. Anstieg
283 m
Kum. Abstieg
488 m

 

Am Morgen erwache ich zu einem windstillen Tag mit blauem Himmel. Das Panorama des Baker Lake ist fantastisch.

Baker Lake mit Redoubt Mt. und Ptarmigan Peak
Baker Lake mit Redoubt Mt. und Ptarmigan Peak

Mein Weg führt mich hinab ins Tal zwischen Oyster Mountain und Fossil Mountain und auf den Cotton Grass Pass (2190 m). Der Pass liegt niedriger als Baker Lake, man hat also nicht das Gefühl eines Anstiegs. Die Landschaft ist geprägt durch Weidenbüsche, Gras und Almwiesen. Der Weg ist etwas matschig. Oyster Mountain zur Rechten mit seinem langen Grat ist einen künftigen Ausflug wert.

Nach der ersten Abzweigung zu den Red Deer Lakes, die ich rechts liegen lasse, steigt der Pfad auf der Schulter des Fossil Mountain zum Jones Pass (2250 m) hinauf. Der Weg ist nun trocken, auch weniger ausgetreten, denn hier kommen keine Reiter durch. Bald eröffnet sich ein erster Blick auf die südöstlichen Hänge des Skoki Mountain. Zur Linken liegt der Fossil Mountain, den man auf dieser Strecke halb umrundet, nach vorne wird die Wall of Jericho (2910 m) sichtbar.

Kurz vor Jonas Pass
Kurz vor Jonas Pass

Nach dem Pass gibt es rechts noch einmal eine Abzweigung zu den Red Deer Lakes, die Möglichkeit für eine zukünftige Extraschleife. In den Red Deer Lakes entspringt der mächtige Red Deer River. Es ist eine feuchte und mückenreiche Gegend, die von der Pipestone Range beherrscht wird.

An einer weiteren Abzweigung, diesmal links zum Deception Pass, bleibe ich auf dem Weg geradeaus und erreiche die Skoki Lodge. Ich bin bei Backcountry Lodges immer etwas in Sorge, dass sie die Ursprünglichkeit der Landschaft gefährden könnten, aber diese hier ist eine positive Überraschung.

Skoki Lodge
Skoki Lodge
Skoki Lodge Eingang
Skoki Lodge Eingang

Die Lodge wurde bereits 1931 als erste kommerzielle Ski Lodge Kanadas eröffnet. Eine Gruppe von Ski-Enthusiasten aus Banff, Mitglieder des Skiclubs der Kanadischen Rockies, baute die Lodge aus Stämmen, die sie in der Umgebung fällten. Abgesehen von einigen Erweiterungen zwischen 1935 und 1936 ist sie in ihrem Originalzustand erhalten worden. Sie macht einen heimeligen Eindruck und die Außengebäude sind urig. Jemand hat alles mit viel Liebe beschildert. Die Lodge ist diesen Sommer leider für Besucher geschlossen.

 

Merlin Meadows Campground Sign
Merlin Meadows Campground Sign

Es ist nun nicht mehr weit bis zum Merlin Meadows Campground. Der Campingplatz ist informell angelegt, das heißt es gibt keine nummerierten Plätze. Gleich am Eingang ist eine große Feuerstelle, und ich treffe dort auf die drei Kartenspieler, die am Hidden Lake neben mir kampiert haben. Eigentlich wollten sie heute zum Baker Lake. Wie ich höre, gab es eine Änderung im Programm, weil sie gestern versackt sind. Die Skoki Lodge ist zwar für Übernachtungen geschlossen, aber man kann am Wochenende dort Tee, Softdrinks und - ja! - Bier kaufen. Es ist wohl reichlich spät geworden für die Drei, so blieben sie halt da.

Ich möchte nicht in der Nähe der Feuerstelle campen, weil ich schon letzte Nacht wegen der Schnarcher unruhig geschlafen habe. Ganz hinten auf dem Platz finde ich eine ideale Stelle mit genügend Schatten und schön nah zum Kochplatz und der Hängevorrichtung für die Essensbeutel. Die Sonne brennt mittlerweile sehr heiß vom Himmel. Damit meine Essensvorräte nicht in der prallen Sonne schmelzen, hänge ich sie an einen anderen Platz in die Bäume, wo tagsüber Schatten ist.

Während ich Mittag mache, kehren die drei Jungs von ihrem Versuch zurück, Merlin Lake über die Merlin Meadows zu erreichen. Dieser Weg geht direkt vom Campingplatz los, erweist sich jedoch als zu nass, weil überschwemmt. In der Ojibwa Sprache bedeutet Skoki „Sumpf“. James F. Porter, ein Bergsteiger aus Illinois, muss wohl die Merlin Meadows im Sinn gehabt haben, als er der Gegend 1911 diesen Namen gab. Ich lege meine verschiedenen Wegbeschreibungen weg. Für den geplanten Tagesausflug müssen wir auf jeden Fall den Weg zurück über die Skoki Lodge nehmen.

Tageswanderung zum Merlin Lake26. Juli


Entfernung
8,3 km
Dauer
2 ½ Std
Incl. Pausen
4 Std
Min. Höhe
2063 m
Max. Höhe
2292 m
Anstieg
229 m
Kum. Anstieg
570 m
Kum. Abstieg
570 m

 

Die Jungs und der schwarze Labrador sind schon aufgebrochen, als ich mich ebenfalls, gut gestärkt, auf den Weg zum Merlin Lake mache. Von der Skoki Lodge aus ist alles gut beschildert. Man überquert ein rustikales Brückchen über den Little Pipestone Creek.

Ich erreiche eine Weggabelung, die sehr originell mit einer überdimensionierten hölzernen Gabel markiert ist. Zum Merlin Lake geht es nach rechts. Von dort wandere ich durch einen Felsengarten unterhalb der Wall of Jericho (2910 m). Man blickt zurück ins Tal, an dessen Ende der Merlin Meadows Campground liegt.

Blick zurück ins Tal
Blick zurück ins Tal

Der Weg ist jetzt nur noch mit Cairns (kleine Steinpyramiden) gekennzeichnet. Eine Weile lange denke ich, dass der See im Tal bereits Merlin Lake ist, und suche nach einem Weg hinunter, doch es handelt sich um den viel kleineren Castilleja Lake.

Castilleja Lake
Castilleja Lake

Die markante Formation des Merlin Castles ist gut erkennbar. Der Berg Merlin Castle dahinter ist 2680 Meter hoch.

Merlin Castle
Merlin Castle

Mein Weg führt auf einem schmalen Pfad an der Flanke der Wall of Jericho entlang. Er ist steinig und das Geröll ist rutschig.

Wall of Jericho
Wall of Jericho

Am Ende der Flanke muss man dann auf allen Vieren durch die Felsen eine Steilwand hoch auf den Grat klettern. Ich bin froh, dass ich nur mein leichtes Tagesgepäck trage. Einmal verliere ich die Route und frage mich, wie ich auf dem Rückweg hier wohl heil wieder herunterkomme. Dass die drei Jungs irgendwo vor mir herumkraxeln, ist schon ein Trost. Der Hund muss ein wahrer Kletterkünstler sein.

Endlich überwinde ich die steile Wand und folge weiteren Cairns von der Klippe zum See hinunter. Merlin Lake ist gewaltig und liegt vor dem mächtigen Mount Richardson, dessen Rückseite ich bereits vom Hidden Lake aus bewundert habe. Meine drei Scouts und ihr Lab sonnen sich auf einem Felsen am Wasser. Sie haben dem Hund nur hier und da helfen müssen, er sei auf seinen vier Pfoten besser geklettert als sie selbst. Ich mache eine Pause und lasse das Panorama auf mich wirken.

Merlin Lake
Merlin Lake

Die Jungs wollen trotz des kalten Winds noch im See schwimmen gehen, während ich mich auf den Rückweg mache. Die Kletterei hinunter ist nicht so schlimm wie befürchtet, weil ich diesmal die optimale Route einhalten kann. Von oben ist der jeweils nächste Cairn besser zu erkennen.

Beim Rückweg über die Schulter der Wall of Jericho habe ich ständig Skoki Mountain im Blick. Ich will ihn morgen besteigen, aber die Route - am Rand des ockerfarbenen Streifens entlang - sieht von hier aus extrem steil aus. Ob ich mir das wirklich zumuten soll?

Skoki Mountain 2707 m
Skoki Mountain 2707 m

Im Felsengarten posiert ein Murmeltier für einige Aufnahmen. Ich bin recht geschafft, als ich am Campingplatz ankomme. Ich laufe noch ein Stück weiter hinter meinen Zeltplatz hinaus zum Bach hinunter und bade meine müden Füße. In der Nähe meines Zeltes und des Kochbereichs lungert ein Reh herum, das den Campingplatz zu seinem Revier gemacht hat. Es sieht unterernährt aus, vermutlich ist es nicht gesund. Es tut mir zwar leid, aber füttern will ich es trotzdem nicht, womit auch. Einer der zahlreichen Grizzlies, die immer wieder durchs Skoki-Tal ziehen, wird es wohl in nicht allzu weiter Zukunft zu seiner Beute machen.

Am Feuer zeigen mir die drei Jungs Videos von ihren Klippensprüngen in den Merlin See. Morgen werden sie aus dem Tal hinauswandern. Als ich Zweifel äußere, ob ich das Scramble auf den Skoki Mountain wirklich wagen soll, erzählen sie mir von einer anderen Frau, die gestern solo auf diesen Berg geklettert ist. Sie ist begeistert zurückgekommen und fand es nicht allzu schwierig. Die Jungs finden, dass mich die beiden Wanderungen von heute für das Skoki Mountain Abenteuer unbedingt qualifizieren. Ich freue mich über die Ermunterung und beschließe, es vom morgigen Wetter abhängig zu machen.

Tageswanderung Skoki Mountain27. Juli


Entfernung
6,5 km
Dauer
2 ½ Std
Incl. Pausen
5 ½ Std
Min. Höhe
2063 m
Max. Höhe
2688 m
Anstieg
625 m
Kum. Anstieg
782 m
Kum. Abstieg
782 m

 

Ich erwache zu einem weiteren wunderschönen Sonnentag, selbst der Wind hat sich gelegt. Es gibt keinen Grund, die Besteigung des Skoki Mountains nicht zu versuchen. Beim Frühstück höre ich Geräusche, die wie Schüsse klingen. Ich vermute, dass Grizzlies im Tal gesichtet wurden und jemand sie zu verjagen versucht. Hoffentlich nicht in unsere Richtung.


Ich wandere zur Skoki Lodge. Der Pfad auf den Berg hinauf beginnt hinter den Outhouses. Heute ist Bewegung bei der Lodge. Jemand arbeitet mit der Motorsäge und verbrennt Äste und Zweige. Ich winke ihm zu und bin froh, dass jemand mitbekommt, dass ich unterwegs zum Gipfel bin. Ich werde niemandem dort begegnen an diesem Tag. Zunächst laufe ich stetig bergauf durch den Wald. Ich bin früh aufgebrochen, um bei meinem Aufstieg nicht in die Mittagshitze zu geraten. Die Sonne steigt gerade über den Bergrücken, als ich die Bäume verlasse.

Sonne über Skoki Mountain
Sonne über Skoki Mountain

Oberhalb der Baumgrenze endet der Pfad. Hier ist eine ganze Armee von Cairns aufgebaut, damit man auf dem Rückweg den Wiedereinstieg in den Wald findet.

Fossil Mountain, Mount Richardson, Merlin und Castilleja Lakes
Fossil Mountain, Mount Richardson, Merlin und Castilleja Lakes

Auf dieser Höhe habe ich bereits wunderbare Ausblicke ins Tal nach Südwesten und auf Molar Mountain im Norden. Am North Molar Pass habe ich vor zehn Jahren meine jährlichen Bergwanderungen in einem Camp der Skyline Hikers of the Rocky Mountains begonnen.

Molar Mountain 3022 m
Molar Mountain 3022 m
Molar Mountain Close-up
Molar Mountain Close-up
Skoki Mountain Scree
Skoki Mountain Scree

Es geht nun extrem steil bergauf. Ich muss mir meinen Weg durch den ockerfarbenen Scree selber suchen. Scree ist loses, flach geformtes Gestein, das einem unter den Füßen wegrutscht, aber gerade so, dass es doch Fortschritte im Anstieg erlaubt. Ich versuche einer möglichst flachen Linie auf den Bergrücken zu folgen, aber es scheint überall gleich steil zu sein, fast vertikal fühlt es sich an. Man möchte hier wirklich nicht ausrutschen, so gehe ich höchst konzentriert. Ich laufe in kleinen Serpentinen, mal rechts und mal links herum, um die Beine und Knie zu schonen. Für kurze Strecken kann ich den Spuren der vielen Vorgänger folgen, die Rinnen verlieren sich jedoch immer wieder im Geröll. Ab und zu schaue ich nach unten, ob ich die Gruppe Cairns noch erkennen kann. Natürlich habe ich dort einen Waypoint auf dem GPS gesetzt. Bald blicke ich mit weit in den Nacken gelegtem Kopf nur noch nach oben, peile immer wieder markante Felsbrocken an, auf die ich zu klettere. Dann endlich ist der Grat erreicht und der restliche Anstieg bis zum Gipfel ist leichter. Von der Lodge aus habe ich zwei Stunden für den Aufstieg auf 2688 Meter gebraucht, eine Stunde bis zu den Cairns und eine weitere fürs Klettern im Scree.

Die 360 Grad Aussicht ist überwältigend. Ich halte in aller Ruhe Mittagsrast am Gipfel-Cairn, einer großen Ansammlung von Steinen, auf die jeder Wanderer traditionell einen eigenen schichtet. Eine große Muschel ist in dem Steinhaufen versteckt. Sie enthält ein Heftchen, in dem man sich registrieren kann. Ab und zu verändere ich meine Sitzposition, um die spektakuläre Aussicht in eine andere Richtung zu genießen.

Skoki Lakes
Skoki Lakes
Wall of Jericho und Lakes zu beiden Seiten
Wall of Jericho und Lakes zu beiden Seiten
Merlin und Castilleja Lakes
Merlin und Castilleja Lakes
Oyster und Fossil Mountains, Mounts St. Bride und Douglas im Osten
Oyster und Fossil Mountains, Mounts St. Bride und Douglas im Osten
Red Deer Lakes
Red Deer Lakes

Da ich den Gipfel ganz für mich alleine habe, mache ich mit Hilfe des Kamera-Timers ein Selfie, brauche dazu allerdings mehrere Versuche. Es ist nicht ganz ohne Risiko, in dieser Höhe schnell genug in Position zu springen.

Es ist windstill, die Sonne scheint mir warm ins Gesicht und die Aussicht berauscht. Hier könnte ich noch Stunden sitzen. Irgendwann rappele ich mich auf und beginne den Abstieg. Ich folge nun einer noch steileren, aber deutlicheren Route. Bergab ist der Scree freundlicher zu einem. Man kann sich das Rutschen zu Nutze machen und in etwa wie ein Skifahrer hinuntergleiten. Wenn der Scree tief genug ist, gräbt man seine Absätze ein und kommt mit relativ großen rutschenden Schritten voran. Ein solcher Abstieg wird auch Scree Running genannt. Bei mir spielt sich das „Running“ in Zeitlupe ab, und ich brauche genau wie beim Aufstieg immer wieder kleine Serpentinen, denn ich kann es mir nicht erlauben zu fallen oder mir den Fuß umzuknicken. Man gerät zwischendurch auf harten Untergrund, den man sehr vorsichtig passieren muss. So benötige ich bis zu den Cairns eine knappe Stunde, fast die gleiche Zeit wie für den Aufstieg. Als ich erleichtert den letzten Schritt aus dem Geröll auf felsigen, aber festen Boden bei den Cairns mache, knicke ich mir doch noch den Knöchel um. Glücklicherweise verhindern meine festen Bergstiefel das Schlimmste, ich kann ohne Humpeln weiterlaufen. So schnell kann etwas schief gehen.


Meine Beine, vor allem die Knie, lassen mich das lange Bergabgehen spüren. Ich bin froh, als ich die Lodge erreiche. Der junge Mann von heute Morgen hat die Lodge inzwischen für den Verkauf von Erfrischungen geöffnet. Eine Gruppe jungerTrail-Läuferinnen hat bereits einen der Picknicktische oberhalb des Bachs belagert. Ich bestelle zunächst einen Tee, aber als ich mitbekomme, dass die australische Leiterin der Gruppe ein Bier trinkt, ändere ich meine Bestellung, denn ich habe richtig Durst auf etwas Kaltes. Deutsche und Australier lieben ihr Bier zu jeder Tageszeit, und so stoßen wir an. Die Gruppe ist vom Fish Creek Wanderparkplatz über Boulder Pass und Deception Pass hierher gelaufen und wird über Packers Pass zurückrennen. Fast 26 Kilometer und drei Pässe an einem Tag, dafür nur Minigepäck auf dem Rücken.


Nun klärt sich auch auf, was die Knallerei bedeutete, die ich am frühen Morgen gehört hatte. Ein alter Grizzly-Bär, der jeden Sommer hier seine Runden macht, wurde am Morgen bei den Toilettenhäuschen der Lodge gesichtet. Der Lodge-Mitarbeiter benutzte bear bangers, feuerwerksartige Knaller, um ihn zu verscheuchen. Er sagt, dass der Bär trotz der vielen Menschen im Tal noch nie auffällig geworden ist, ein guter Bär also. Ich bin trotzdem froh, dass ich ihm nicht begegnet bin.

Die Frauen brechen zu ihrer Rücketappe auf, und ich wandere den letzten Kilometer zum Campingplatz zurück. Ich bin ganz alleine dort, denn es ist gerade erst zwei Uhr nachmittags. Ich setze mich in den Schatten, blicke auf Mount Richardson und freue mich noch ein bisschen an dem wundervollen und abenteuerlichen Erlebnis, das hinter mir liegt.

Mount Richardson von Merlin Meadows aus gesehen
Mount Richardson von Merlin Meadows aus gesehen

Nach und nach trudeln die Camper für die nächste Nacht ein. Ein weiterer Abend mit dem typischen Hin- und Hergelaufe für die Erledigung der zahlreichen Camperpflichten wie Wasser filtern, Waschen, Kochen und Essen, begleitet von vielen Gesprächen, beginnt. Heute liege ich noch etwas früher auf meiner Matratze als sonst. Ein weiterer anstrengender Wandertag liegt vor mir, leider auch der letzte für dieses Mal.

Merlin Meadows - Packers Pass - Packers Peak - Lake Louise - Golden28. Juli


Entfernung
17,6 km
Dauer
5 Std
Incl. Pausen
8 ½ Std
Min. Höhe
1696 m
Max. Höhe
2584 m
Abstieg
888 m
Kum. Anstieg
978 m
Kum. Abstieg
1360 m

 

An diesem Morgen fange ich schon im Morgengrauen an, beim Schein der Taschenlampe meine Sachen im Zelt zusammenzupacken. Ich habe einen langen Tag vor mir und ein weiteres Highlight, den Packers Pass. Es ist gleichzeitig die Route aus dem Skoki-Tal hinaus und mein letzter Wandertag auf diesem Trip. Das Zelt ist nass vom Tau und es wird schwerer wiegen als nötig, aber mir ist ein weiterer trockener Tag mit blauem Himmel und Sonne vergönnt.

Skoki Weggabel
Skoki Weggabel

Um zwanzig nach acht schon lade ich den Rucksack auf und bin reisefertig. Das ist an einem Tag, an dem ich auch das Zelt abbauen muss, eine ganz ordentliche Zeit, denn ich brauche morgens ungefähr zwei Stunden für alles. Wieder führt mich der Weg über die Skoki Lodge. An der Gabel nehme ich diesmal den linken Weg. Es geht zunächst durch den Wald und dann hinaus in das Tal des Skoki Creeks. Bald öffnet sich mir der Blick auf die Klippe, die ich zu überwinden habe.

Klippe unterhalb von Myosotis Lake, Ptarmigan Peak im Hintergrund
Klippe unterhalb von Myosotis Lake, Ptarmigan Peak im Hintergrund

Die Route geht links vom Wasserfall durch die Felsen. Zunächst überquere ich den Bach und dann folge ich den Cairns zur Felswand.

Wasserfall, Ausfluss Myosotis Lake
Wasserfall, Ausfluss Myosotis Lake
Kamin
Kamin

Wenn man nahe genug ist, wird der weitere Weg offensichtlich. Der zu durchkriechende Kamin erweist sich jedoch als sehr eng. Ich bleibe mit meinem riesigen Rucksack erst einmal stecken. Na toll, denke ich, und keiner weit und breit, der schieben oder ziehen könnte. Ich ruckele vor und zurück und überlege bereits, wie ich mit dem abgeschnallten, aber dann extrem unhandlichen Rucksack hindurchklettern könnte, da gibt auf einmal der an der Seite des Rucksacks befestigte Zeltsack nach und ich bin auf der anderen Seite. Geschafft!

Blick vom Ausgang des Kamins
Blick vom Ausgang des Kamins

Ich lege meinen Rucksack ab und klettere so nah an den Wasserfall, wie es geht.

Blick vom Wasserfall zurück auf Skoki Mountain
Blick vom Wasserfall zurück auf Skoki Mountain

Der Weg führt nun am Myosotis Lake entlang. Ptarmigan Peak und die Wall of Jericho bilden das Bergpanorama.

Myosotis Lake mit Ptarmigan und Pika Peak
Myosotis Lake mit Ptarmigan und Pika Peak
Myosotis Lake mit der Wall of Jericho
Myosotis Lake mit der Wall of Jericho
Vor der Wall of Jericho
Vor der Wall of Jericho

Ein Hubschrauber fliegt über mich hinweg. Man wird mich wohl nicht suchen? Aber natürlich gibt es dafür keinen Grund, auch wenn ich heute der einzige Wanderer auf der Packers Pass Route bin. Nach einem weiteren Anstieg erreiche ich eine Felskante. Aus dieser Perspektive zeigt sich die wunderbar blaue Farbe des Myosotis Lakes.

Aussicht auf Myosotis Lake und Skoki Mountain
Aussicht auf Myosotis Lake und Skoki Mountain

Die Felskante führt mich über einen unterm Schnee versteckten Seitenpfad zum Zigadenus Lake und dem Wasserfall, der aus dem Zigadenus Lake in den Myosotis Lake stürzt. Die beiden Seen mit den Zungenbrechernamen werden auch ganz einfach Skoki Lakes genannt. Von Gletscherwasser gespeist, sind sie berühmt für ihre durchdringend blaue Farbe.

Zigadenus Lake
Zigadenus Lake

Ich klettere in den Felsen herum, um die schönsten Aussichten aus den geeignetsten Perspektiven zu fotografieren. Ein Murmeltier sonnt sich auf der Felskante. Ich hoffe es ist zu faul, um sich für mein Gepäck zu interessieren, das ich in sicherer Entfernung vom Abgrund abgelegt habe.

Myosotis Lake mit Fossil und Skoki Mountain
Myosotis Lake mit Fossil und Skoki Mountain

Ich lasse Zigadenus Lake hinter mir und beginne den Anstieg zum Packers Pass. Dieser 2470 Meter hohe Pass erhielt seinen Namen, weil er bis in die 1960er Jahre die Versorgungsroute für die Skoki Lodge bildete. Diese Route ist kürzer, wenn auch unwegsamer, als die Route über den Deception Pass, und wurde von den meisten Lastenträgern trotz seines Engpasses im Kamin hinter Myosotis Lake bevorzugt. Sie verdienten nicht viel und trugen 35 kg auf dem Rücken. Heutzutage wird die Lodge per Hubschrauber versorgt.

 Zigadenus Lake vor Wall of Jericho
Zigadenus Lake vor Wall of Jericho

Auf dem Weg zum Pass liegt noch Schnee und ich kann dem Verlauf des Pfades nicht immer folgen, aber die Richtung ist eindeutig. Ich erreiche den Pass und eine tolle Aussicht auf Ptarmigan Lake mit Mt. Redoubt. Ich lasse mich zu einer kurzen Rast nieder und breite meine nassen Zeltplanen aus. Es ist sehr windig auf dem Pass, deswegen beschwere sie mit Steinen. In Wind und Sonne trocknen sie schnell.

Ptarmigan Lake
Ptarmigan Lake
Packers Pass Peak 2595 m
Packers Pass Peak 2595 m

Ich fühle mich noch fit genug, wie geplant den Packers Pass Peak von hier aus zu besteigen. Es ist ein kleiner, einfach zu erreichender Gipfel, der noch 130 Meter höher liegt als der Pass und damit eine weitere Gelegenheit für ein 360 Grad Panorama. Meinen Rucksack will ich unten liegen lassen. Eine Herde Bighornschafe überquert den Pass. Ich weiß, dass sie gerne Salz lecken und aus Sorge darüber, dass sie mein Gepäck anknabbern könnten, wickle ich alles in die Plane ein, die normalerweise unter dem Zeltboden zu liegen kommt.

Während ich auf den Berg steige, werfe ich immer wieder einen Blick zurück auf meinen Rucksack und die Schafherde. Sie kommen dem Bündel beständig näher, überqueren dann den Pass zur anderen Seite hinunter, ohne es eines Blickes zu würdigen. So weit so gut!

Ich benötige nur eine halbe Stunde, um den Gipfel zu erreichen. Die Aussicht ist wieder einmal phänomenal. Die alternative Route des Deception Pass liegt direkt vor mir. Ich werde noch einmal nach Skoki zurückkehren, allein schon um über diese andere, ebenfalls spektakuläre Route ins Tal zu wandern.

Deception Pass
Deception Pass

In der Ferne kann ich Baker Lake erkennen, wo ich die zweite Nacht verbracht habe.

Baker Lake
Baker Lake

Ptarmigan Lake und Mt. Redoubt sehen aus dieser Höhe noch gewaltiger aus als vom Pass.

Ptarmigan Lake und Redoubt Mountain
Ptarmigan Lake und Redoubt Mountain

Mit 3544 Metern ist Mt. Temple der höchste Berg in der Gegend um Lake Louise.

Mt. Redoubt mit Mt. Temple im Hintergrund
Mt. Redoubt mit Mt. Temple im Hintergrund

Ich laufe noch ein Stück weit auf die andere Nase von Packers Pass Peak hinaus. Von hier aus hat man beide Skoki Lakes im Blick.

Skoki Lakes
Skoki Lakes

Wieder fliegt ein Hubschrauber ein. Er führt Ausrüstung mit sich, die an einem Seil nach unten hängt. Vom Gipfel aus kann ich beobachten, wie er über der Skoki Lodge in der Luft stehen bleibt und be- und entladen wird. Er fliegt noch mehrmals hin und her, während ich mit dem Abstieg beginne.

Packers Pass Peak
Packers Pass Peak

Mein Gepäck ist unversehrt geblieben. Die Herde Bighornschafe weidet immer noch auf der anderen Seite des Passes. Ich schnalle auf, wandere den Berg hinunter, und es dauert nicht lange, bis ich den Skoki Lake Loop Trail erreiche, auf dem ich vor einigen Tagen ins Tal gekommen bin. Ich werfe noch einen letzten Blick auf den Gipfel des Packers Pass Peak und setze einen Waypoint auf meinem GPS, denn diese Kreuzung ist sehr unscheinbar und nicht beschildert.

Nun wandere ich in bekanntem Terrain am Ptarmigan Lake entlang aus dem Skoki-Tal hinaus. Am Boulder Pass habe ich noch einmal einen schönen Blick auf Mt. Temple.

Mt. Temple vom Boulder Pass aus gesehen
Mt. Temple vom Boulder Pass aus gesehen

Diesmal werfe ich einen Blick auf die Halfway-Hütte, die in der Nähe der Abzweigung zum Hidden Lake steht. Sie ist nicht besonders interessant und außerdem abgeschlossen. Das letzte Stück auf der Forststraße ist im heutigen Sonnenschein besser zu genießen als auf dem Hinweg im Regen, aber meine Beine werden langsam müde. Immerhin blühen die Wildblumen zum Abschied.

Die letzten Kilometer
Die letzten Kilometer

Nach einem Anruf zu Hause fahre ich nach Golden, wo ich im Dreamcatcher Hostel übernachte. Ich kaufe mir ein paar frische Sachen im nahegelegenen Supermarkt und bereite mir ein Abendessen zu. Das Schönste ist natürlich wie immer die ausgiebige Dusche nach sieben Tagen Katzenwäsche in der Wildnis. Ein weiteres Abenteuer in den Rockies ist zu Ende.